Von Rudolf Walter Leonhardt

Einen guten Hotelführer zu machen – das ist ein mühseliges und aufwendiges Geschäft. Etwa dreißigtausend Hotels und Restaurants müßten in der Bundesrepublik aufgesucht werden, mindestens zweimal im Jahr, von Leuten, die vorher geschult und auf einen verbindlichen Maßstab festgelegt worden sind. Das wären, wenn der "Kontrolleur" oder "Inspektor" sparsam lebt, allein fünf Millionen Mark Spesen für Essen und Übernachtungen. Mindestens fünf Millionen Mark Reisekosten kämen hinzu. Ein Buch, bei dem zehn Millionen Mark Kosten entstehen, noch ehe eine einzige Zeile geschrieben oder gar gedruckt worden ist – das läßt sich verlegerisch nicht mehr kalkulieren.

Hotelführer müssen daher subventioniert werden von Unternehmen, die einen Teil der Kosten auf "Public Relations" abbuchen können. Der beste Hotelführer, den ich kenne, wird vom größten englischen Automobilklub (AA) herausgegeben. ADAC wie AvD, beide nicht arm, sind ihren Kunden ein solches Werk bisher schuldig geblieben.

In die Marktlücke sprangen die deutsche Batterienfirma Varta und die französische Reifenfabrik Michelin. Ein häufig Reisender schuldet beiden so viel Dank, daß er innere Widerstände überwinden muß, um kritische Anmerkungen zu ihren jüngsten Produkten zu machen, dem "Varta-Führer 1973/74" und dem "1973 Michelin-Deutschland".

Beide versuchen, di en, die Unkosten weit unter der Zehn-Millionen-Grenze zu halten – was ihr gutes Recht wäre, wenn sie nicht anderen damit Unrecht täten: Hoteliers und Gastronomen müssen sich manchmal Einstufungen gefallen lassen, die kaum mehr zu verantworten sind. Wenn kärglich honorierte Inspektoren auf ihre Reisekosten und ein bißchen Gewinn dadurch kommen müssen, daß sie sich von den zu beurteilenden Hotels und Restaurants einladen lassen, wenn sie die Einordnung der kleineren Betriebe durch Telephonanrufe glauben erledigen zu können ("Hat sich eure Bettenzahl erhöht? Stimmt die Adresse noch? Gibt’s sonst was Neues?"), wenn keine ausreichend besetzte Zentralredaktion die Angaben korruptionsgefährdeter Auch-nur-Menschen (die ja anonym bleiben) überprüft – dann muß eben herauskommen, was beim "Michelin 1973" und oft auch beim "Varta 1973/74" herauskommt: krauses Zeug, um es nicht einklagbar auszudrücken.

Aus dem durchaus begreiflichen Dilemma – ein wirklich zuverlässiger Hotelführer würde so teuer, daß kein Durchschnittsreisender ihn bezahlen könnte – gäbe es einige mögliche Auswege. Einer wäre der, Wertungen wie "(besonders) angenehme Hotels" oder "international berühmte Küche", "hervorragende Küche", "angenehme Restaurants" zu unterlassen. Dabei hält sich der Michelin zurück: Er beschränkt sich auf das leicht unterkühlte Prädikat "angenehm".

Dieses Prädikat freilich verstreut er aus einem dicken Füllhorn weit über deutsche Lande. Allein in Norddeutschland verzeichnet er mehr als fünfzig "angenehme" Hotels; Varta gibt in ganz Westdeutschland nur 33 Hotels dieses höchste Prädikat (davon elf in Norddeutschland).