Aber schließlich, zu erben muß man verstehen, eben das ist am Ende Kultur.

Thomas Mann

John Cranko

Was man das „Stuttgarter Ballettwunder“ nannte, war ganz und gar von seinen Ideen, von seinem Temperament, von seiner Person bestimmt: John Cranko, der am Dienstag 45jährig gestorben ist, hat seit 1961 in Stuttgart demonstriert, wie an einem Staatstheater Impuls und Disziplin, Ballettomanie und ein eher spontaner Arbeitseifer ein deutsches Durchschnittsballett zu einer international überaus renommierten Truppe machen konnte, die Jahr für Jahr, auch im verwöhnten Amerika, Triumphe feierte. Cranko, der es glänzend verstand, klassische Ballette zu entstauben, ohne ihre Ausdruckstraditionen über Bord zu werfen, wie er neue Musik mit einer neuen Ballettsprache artikulierte, war in gleichem Maße ein sprühender Clown, ein betroffener aktiver Teilhaber der Zeitszene und ein übersprudelnd arbeitender und feiernder Freund seiner Truppe. In kurzer Zeit verwandelte er das eher spröde Stuttgarter Publikum in eine begeisterte Ballettgemeinde: Neben glanzvollen Premieren hielt er Einführungsabende, die mitrissen, weil Cranko ohne Zeigestock lehrte, und die überaus beredt waren, obwohl sein Deutsch nur so von Fehlern wimmelte. Von den Choreographien des in Südafrika geborenen, 1946 nach England übergesiedelten, schnell von allen wichtigen Bühnen umworbenen Cranko wird man sich wenigstens dieser erinnern: „Daphnis und Chloe“, „Romeo und Julia“, „Jeu de Cartes“ und – am Anfang der Mahler-Renaissance – „Das Lied von der Erde“.

Büchner-Preis für Peter Handke

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat den Georg-Büchner-Preis 1973, der mit 10 000 Mark dotiert ist, an Peter Handke verliehen. Der Sigmund-Freud-Preis in Höhe von 6000 Mark geht an den Theologen Karl Rahner, der Johann-Heinrich-Merck-Preis an den Musikkritiker H. H. Stuckenschmidt. Die Preisverleihung findet am 20. Oktober in Darmstadt statt.

Offene Universität, Jahrgang I

Eine 61jährige Mutter und ihr 26jähriger Sohn waren unter den ersten, den 900 erfolgreichen Absolventen, die von der „Open University in London in der vergangenen Woche ihre Promotionsurkunden ausgehändigt bekamen. Die Offene Universität scheint bereits jetzt endgültig als ein fester Bestandteil des englischen Erziehungswesens Anerkennung gefunden zu haben: Im nächsten Jahr sollen auf Regierungswunsch dort auch 500 18- bis 21jährige Studenten aufgenommen werden, sollen also „normale“ Studenten unter die „verhinderten“ Studenten, für die die offene Universität eigentlich gegründet worden, war, gemischt werden. An der Offenen Universität, die vorwiegend im Fernunterrichtssystem arbeitet, kann sich jeder, mit welcher Vorbildung auch immer, inskribieren und über Richtung und Dauer seines Studiums selber befinden. Gedacht war diese Gründung als ein Angebot des zweiten Bildungswegs: für Arbeiter, Hausfrauen und andere, die nie recht eine Chance hatten, ihrer Bildung und Ausbildung eine Chance zu geben. Wie sich jetzt bei erster Bilanzierung herausstellte, hat die Offene Universität dieses Klassenziel bisher nicht erreicht: ein Drittel ihrer Studenten sind Lehrer, ein Achtel Angestellte, ein Zehntel Hausfrauen, Arbeiter tauchen nur am Rande auf.