Rheinland ;Pfalz spielt innerhalb der Bundesrepublik Deutschland etwa die Rolle, die Schweden in Europa spielt: Es hat seine drängendsten Probleme gelöst und ist dadurch ein bißchen langweilig geworden; es könnte Vorbild sein, wenn es nicht so sehr am Raride läge — wo, wie nicht ganz so Glückliche mutmaßen, besondere Bedingungen gegeben sind. Es ist auch ziemlich klein (hat etwa so viele Einwohner wie Berlin, wenn man Ost plus West noch zusammenzählen dürfte; knapp die Hälfte also von London, wenn wir auf europäischen Maßstab umschalten; die Hälfte allerdings auch von Schweden, immerhin).

Sogar die Studentenvertreter klagen darüber, daß die zwei bis drei Universitäten von Rheinland Pfalz in der deutschen Publizistik immer nur dann auftauchen, wenn es einmal Krach gibt — das heißt: sehr selten. Und sie haben völlig recht: Die deutsche Universitätsberichterstattung in Funk und Fernsehen wie in der Presse leidet darunter, daß die ganz normale Arbeit der Forschung und der neuerdings stärker betonten Lehre, die vernünftige und nützliche Arbeit auch, die in Hunderten von Mitbestimmungsgremien geleistet wird, zu spröde und sachbezogen, zu "uninteressant" also ist, als daß irgendein Redakteur im Funk, im Fernsehen, in der Presse darin "ein Thema" entdecken könnte.

Was mit dazu beigetragen hat, daß sich für unsere universitätsferneren Landsleute Schrekkensvorstellungen mit den deutschen Universitäten verbinden und daß "Student" in manchen Gegenden schon zum Schimpfwort geworden ist; daß eine spürbare Universitätsmüdigkeit auch in jenen Kreisen (etwa der Redaktionen und der Kultusbürokratie) ausgebrochen ist, wo man es besserwissen müßte.

Der Wind bläst den Universitäten ins Gesicht. Die große Gründerwelle, die von Konstanz bis Bremen durchs Land rollte, ist verebbt "Berufsbildung" ist in, die Universitäten sind out. Nur im "Bund Freiheit der Wissenschaft" und im "Kommunistischen Studentenverband" glaubt rnan noch, daß die Universitäten die Naben seien, um die sich die Welt dreht.

Sie sind es natürlich auch: sofern, zum Beispiel, neue Heilverfahren dort entdeckt, neue Einsichten in die Strukturen der Gesellschaft dort erforscht, neue Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit dort — und nirgendwo sonst so gut wie dort — entwickelt werden können. Bei den letzten Wahlen zum Mainzer Studentenparlament, deren Ergebnisse zu Ende des Sommersemesters vorlagen, hat der (diszipliniert kommunistische) MSB "Spartakus" drei Sitze, der auch auf der Linken als chaotisch bezeichnete Kommunistische Studentenverband einen Sitz errungen. Man sprach daraufhin von einem "Linksruck"! Der Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) hat sechs Sitze. Von den restlichen 31 entfallen noch ein paar auf Einzelkämpfer der Linken, im wesentlichen jedoch gehören sie zu gemäßigt linksliberalen Gruppierungen. Vielleicht werden die Mainzer Studenten Schwierigkeiten haben, sich auf einen AStA zu einigen; aber die von sehr konservativen Professoren beschworene Gefahr, daß die Universität kommunistisch unterwandert wird, besteht in RheinlandPfalz noch ein bißchen weniger als anderswo. Im übrigen wird eine Machtergreifung der Studenten an den Universitäten von RheinlandPfalz auch verhindert durch ein relativ umsichtiges Universitätsgesetz, das, als es vor drei Jahren veröffentlicht wurde, konservativen Professoren als viel zu progressiv, den meisten Studenten als viel zu reaktionär erschien. Juristen fanden es schlecht formuliert.

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts liegt es so einigermaßen richtig: allenfalls müßte die Professorenfraktion in Fragen der Lehre noch etwas gestärkt und die nicht wissenschaftlichen Mitarbeiter müßten, leider (weil es das in diesem Punkt unglückselige Karlsruher Urteil so will), in ihren Mitbestimmungsrechten eingeschränkt werden.

Vorerst jedoch sieht Kultusminister Bernhard Vogel keinen Grund, übereifrigen Novellierungsverlangen nachzugeben. Alle warten auf das Rahmengesetz des Bundes.