Sommerland

Der Lehrer Hans-Jürgen Lorentzen aus Sommerland, einem 200-Seelen-Dorf in der flachen Marsch nördlich von Hamburg, wählte sieben Schüler aus, setzte sie in einen VW-Bus und fuhr mit ihnen nach Miedzylesie bei Warschau. Dort wurde Anfang Juni der Grundstein gelegt zum Bau eines zentralen Kinderkrankenhauses und Gesundheitszentrums, für das Lorentzen, seine eigenen Kinder und zeitweilig mehr als dreißig Schüler seit einem guten Jahr rund 23 000 Mark gesammelt haben.

Unser Bericht (ZEIT Nr. 10, 2. März) über die Aktion des Lehrers und der Kinder, die Pastoren und Diakonen, Lehrern und Ärzten mit persönlichen Briefen ein bescheidenes Buch für fünf Mark anbieten, hatte ein unerwartetes Ergebnis: rund 5000 Mark gingen auf dem Konto 5312 bei der Marschsparkasse in 2209 Krempe unter dem Stichwort "Kinderkrankenhaus Warschau" ein. "Niemals hatten wir einen solchen Erfolg erhofft", schrieb Lorentzen auf einer Dankkarte, und jetzt berichtet er: "Wir haben das Geld auf Heller und Pfennig in Warschau abgeliefert."

Eingeladen hatte die Spendensammler Janusz Wieczorek persönlich, Chef des Ministerrates, verantwortlich für die Pflege von Denkmälern aus dem Zweiten Weltkrieg und zugleich Vorsitzender des Komitees für den Bau des Kindergesundheitszentrums. "Und da sind wir einfach losgefahren", erzählt Lorentzen: Mit dem Schiff von Travemünde über Trelleborg nach Swinemünde, dann mit dem Auto über Stargard, Bromberg und Plozk nach Warschau. Die westdeutschen Besucher waren Gäste des polnischen Ministerrats und wohnten in dessen Gästehaus.

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche sind während des Krieges "auf Polens Erde umgekommen", heißt es in der Urkunde, die bei der Grundsteinlegung eingemauert wurde. Für sie und für die "gefallenen und ermordeten Kinder aus anderen Ländern und Nationen" soll das Spital ein Denkmal sein, nach dem Text der Urkunde "ein Symbol des Friedens über den Krieg".

Als einen Beitrag zur Versöhnung und zum Frieden verstehen auch Lorentzen und seine Kinder ihre Buchaktion. Die 16jährige Catharina Lorentzen: "Mein Vater fühlt sich als Deutscher verpflichtet, die von den Nazis begangenen Verbrechen mit ,wiedergutzumachen‘. Darin bin ich mit ihm gleicher Meinung." H. M.