Es fängt an wie eine Geschichte von Ambrose Bierce: Ein nebelverhangener Wald, ferner Kanonendonner, ein kleines Mädchen, das Pilze sucht. Ein fragiles Idyll im Schatten des großen Krieges, Bilder von sanftem Horror, braun viragiert. Die kleine Amy findet einen verwundeten Mann, der eine blaue Uniform trägt, einen Yankee, den es hinter die feindlichen Linien verschlagen hat. Sein Bein ist gebrochen, Amy nimmt ihn mit nach Hause. Und das ist für Corporal John McBurney der Anfang vom Ende. Im feudalen Herrenhaus irgendwo im tiefen Süden hat er mehr zu leiden als in den Konzentrationslagern der Konföderierten.

Miß Farnsworths Schule für höhere Töchter erweist sich bald als Tummelplatz aller nur erdenklichen Mythen und Obsessionen des amerikanischen Südens. Die Prinzipalin, eine welke "Southern Belle", trauert um ihren verschollenen Bruder, dem sie inzestiös verbunden war; ihre Assistentin hat es mit der Unschuld, die halbwüchsige Schülerin Carol dagegen eher mit der Lust. Vom Balkon der Villa krächzt höhnisch und symbolträchtig eine gefangene Krähe. Der Zuschauer merkt: Das kann nicht gutgehen.

In einem schwülen Treibhausklima zelebriert Regisseur Don Siegel einen Reigen ebenso disparater wie archetypischer Motive der amerikanischen Literatur. Der 61jährige Hollywood-Veteran, der bedeutende Filme wie das subtile Science-Fiction-Stück "Invasion of the Body Snatchers" (1956) und das nuancierte Killer-Portrat "Baby Face Nelson" (1957) gedreht hat, legt mit "The Beguiled" endlich wieder einen persönlichen Film vor.

"The Beguiled" handelt von der notwendig letal endenden Konfrontation zweier Kulturen, von denen die eine zum Untergang verurteilt ist. Corporal McBurney verkörpert den Pragmatismus und die vergleichsweise unkomplizierte Sexualität des Nordens. Um als Gefangener zu überleben und nicht den konföderierten Truppen ausgeliefert zu werden, läßt er sich nacheinander mit den Bewohnerinnen der Mädchenschule ein. Doch den komplexen psychischen Strukturen der Damen weiß er nur mit problemloser Virilität zu begegnen, und die wird ihm schließlich auch zum Verhängnis. Nach einer symbolischen Kastration vergiften ihn Miß Farnsworth und ihre Mädchen, nicht ohne rituell höfliches Bedauern, das der Beseitigung des fremden Barbaren fast den Anstrich mildtätiger Euthanasie verleiht.

Don Siegels tiefer Süden, ein Land eleganter Verwesung und traumatischer Sexualität, zeigt sich eng dem mythologischen Südstaaten-Bild verwandt, das William Faulkner geprägt hat: "Gothischer Terror in der Verkleidung historischer Realität", schreibt Leslie A. Fiedler in "Love and Death in the American Novel" über Faulkners Süden. Und Siegel, der offenbar nicht nur Faulkner, sondern auch Erskine Caldwell gelesen hat, spult in "The Beguiled" alle Elemente des "Faulkner-Syndroms" ab: Krankheit, Tod, Niederlage, Verstümmelung, Schwachsinn und Lust. Ein Katalog wüster Dekadenz, den Siegel mit offensichtlichem Spaß an schwarzem Humor und drastischer Sexual-Symbolik als brillant inszenierte Horror-Show präsentiert. Zwischendurch geistern Mädchen mit Kerzen durch dunkle Gänge, bleiche Schwestern von Poes "Berenice" und "Ligeia", inzestiöse Nachtschatten einer sterbenden Kultur. Die einzige "positive" Figur in diesem gothischen Grand-Guignol ist denn auch das schwarze Hausmädchen, das die Handlung aus ironischer Distanz kommentiert und sich auch nicht auf die Seite des Yankee schlägt, in dem sie schon den neuen Unterdrücker sieht.

Ohne das Geld seines Freundes und Hauptdarstellers Clint Eastwood hätte Siegel, der im Vorspann ausnahmsweise mit seinem vollen Vornamen Donald erscheint, "The Beguiled" wohl kaum drehen können. Doch Eastwood, der sich unter Siegels Regie in "Two Mules for Sister Sarah" (Ein Fressen für die Geier) und "Coogan’s Bluff" vom sterilen Star der italienischen Dollar-Serie zu einem kompetenten Schauspieler mauserte, zeigte sich spendabel und finanzierte seinem Mentor das kommerziell nicht eben vielversprechende Projekt. Er selbst spielt den Yankee, der hauptsächlich in einem langen weiten Nachthemd zu sehen ist, ein Umstand, der geeignet erscheint, eher konservative Eastwood-Fans nachhaltig zu verprellen. So blieb denn "The Beguiled" für Siegel und seinen Star nur ein Zwischenspiel. Ein Jahr später drehten sie "Dirty Harry". Hans C. Blumenberg