Ob Kinder, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen, schon wieder für die Schule arbeiten (und dabei, wo immer möglich, ihre Eltern als Hilfslehrer anstellen) sollen – darüber haben die Betroffenen, Lehrer, Eltern und Schüler, recht verschiedene Meinungen. Ich referiere, was ich gehört oder gelesen habe (zum Beispiel in dem Buch von Barbara Schönfeldt und Hayo Matthiesen, „Eltern als Hilfslehrer?“, Köln 1973).

PRO:

1. Die Kinder sollen nicht den ganzen Nachmittag und Abend nur herumspielen. Das bringt sie nur auf dumme Gedanken. Sie müssen auch was lernen.

2. Die Schulzeit allein genügt nicht, um das als notwendig gesetzte Lernpensum zu bewältigen.

3. Es gibt Arbeiten, bei denen der Lehrer kaum helfen kann; mit ihnen würde kostbare Zeit in der Schule ganz unnötig verschwendet – einen längeren Text lesen (um ihn dann später besprechen zu können) zum Beispiel oder Vokabeln lernen; überhaupt das „Auswendiglernen“, das viel mehr wieder geübt werden sollte, nicht so sehr um der Inhalte willen als wegen des damit verbundenen Gedächtnistrainings.

4. Irgendwann, etwa im Alter von sechzehn, müssen die Kinder lernen, selbständig zu arbeiten.

5. Die Hausaufgaben wirken als Information zwischen Schule und Elternhaus; vor allem aus ihnen erfahren die Eltern, „was die Kinder in der Schule eigentlich machen“.

CONTRA:

1. Gerade jungen Menschen tut esgar nicht gut, viele Stunden in einer so unnatürlichen Haltung wie auf einem Stuhle sitzend zu verbringen. Sie sollten sich wenigstens nachmittags in frischer Luft bewegen.

2. Große Hausaufgaben bedeuten für viele Kinder einen Elfstundentag: 6 Stunden Unterricht und 2 Stunden Schulweg (hin und zurück) und 3 Stunden Hausaufgaben. Darf ihnen das zugemutet werden – nur weil es keine „Schülergewerkschaft“ gibt?

3. Hausaufgaben wirken gegen die Chancengleichheit: Die einen Kinder haben ein ruhiges Zimmer für sich, andere müssen sich mit einer Ecke im überfüllten Wohnzimmer begnügen; die einen können ihre Eltern als Hilfslehrer engagieren, andere müssen mit ihren Aufgaben allein fertig werden.

4. Es ist schwer zu sagen, ob und inwieweit Hausarbeiten selbständig gemacht worden sind.

5. Hausaufgaben setzen ganze Familien unter Leistungsdruck. Zum Beispiel so: Vater kann es nicht (und muß nun Mengenlehre büffeln); Mutter ist nicht da (und überlegt sich, schlechten Gewissens, ob sie ihren Beruf nicht doch wieder aufgeben sollte); Junior kriegt viel zuwenig Schlaf, denn immer, wenn er ins Bett gehen, sollte, fällt ihm mit Schrecken das bis dahin Verdrängte ein – ich muß noch „Schularbeiten“ machen.

CONCLUSIO:

Mir leuchten die Contra-Argumente mehr ein. Nur das dritte der Pro-Argumente wiegt schwer. Am 20. Juni. 1973 hat die Hamburger Schulbehörde einstimmig „Richtlinien für das Erteilen von Hausaufgaben in den Klassen 1–10“ beschlossen, wonach Hausaufgaben von höchstens einer halben Stunde (in Klasse 2) bis zu höchstens zwei Stunden (in den Klassen 7–10) in Anspruch nehmen dürfen. Außerdem werden besonders stumpfsinnige Hausaufgaben wie Rechentürme, Abschreiben von Texten, „Strafarbeiten“ untersagt. Mir erscheint das als ein akzeptabler Kompromiß, solange wir noch keine Ganztagsschulen haben, die die Hausarbeiten überflüssig machen. Rudolf Walter Leonhardt