Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, im Juli

Keine runde Zahl, kein Grund zum Jubiläum, zum Jubeln indessen gab bei diesem 15. Evangelischen Kirchentag auf dem neuen Messegelände Düsseldorfs manches Anlaß. Kaum aber die Zahlen der Versammelten und Mitwirkenden, die weit hinter denen des letzten Laientreffens, dem von Stuttgart, und auch beträchtlich hinter den Erwartungen der Einladenden zurückblieben: Es waren an jedem der vier Tage jeweils knapp zehntausend. Ohne Scheu und Schrecken konstatierte Kirchentagspräsident Heinz Zahrnt den Abwärtstrend von meßbarer Begeisterung und Beteiligung der Evangelischen an solchen Massenmeetings: Daran zeige sich nun mal, daß die Christengesellschaft kleiner, die Messehallen größer würden.

Aber war das wirklich so verwunderlich? Dem Zeitpunkt entsprechend (Schulferien in Nordrhein-Westfalen), der Hitze wegen (über 30 Grad), der Vorgeschichte halber (Absage der pietistischen "Bekenntnisbewegung", hinhaltender Widerstand der meisten Landeskirchen) und auch gemessen am Anlaß (der erste Kirchentag als Tag der kirchlichen Basis, der Jugend vor allem) waren es dann doch der Christen genug, der Probleme, auch der Erlebnisse, und Erfahrungen. Es war, kurz gesagt, ein Kirchentag der tausend Bilder, ein rundum gewagter, gelungener Kirchentag. Es durfte, zum erstenmal seit 1949, in jeder Form gelacht und gejubelt werden, mal beim Psalm, mal bei Pop.

Da hüpfte, in der "Liturgischen Nacht" der fünftausend, wo gebetet, gesungen, getanzt, Brot und Wein gereicht wurde, eine Nonne zu den Klängen einer Beatband, die "Er hält die ganze Welt in seinen Händen" spielte. Tags drauf sah ich dieselbe Nonne bei einer "Stillen Besinnung" der Bruderschaften, wo sie, tief den Kopf gezeigt, meditierte und dann in den gregorianischen Wechselgesang über den "Verfolgten, dem sein Land gegeben wird" einstimmte. Das war, an diesem einen kleinen Beispiel demonstriert, Düsseldorf, dieser ganz und gar ungewöhnliche, unerwartete Kirchentag: Beten und beaten, Arbeit und Vergnügen, Feierlichkeit und Fröhlichkeit.

An der einen Stelle des Geländes ein gelbes Riesenwasserbett, wo sie zwischendurch mal hopsten, Gitarre spielten und miteinander redeten. In der Halle sechs, vor fünftausend Zuhörern, ein Streitgespräch der Theologen Sölle und Thielicke über den Tod und die Zukunft. Am Nachmittag in dem "Kommunikations- und Informationszentrum" wurden wunde Füße in kaltem Wasser gewaschen, liehen Behinderte ihre Rollstühle aus zwecks praktischen Erfahrungsaustausches ("So ist das, wenn man die anderen immer nur von unten sieht!"). Am Abend in einem vollbesetzten Vortragssaal ein "Gebet zur Sache" mit der Predigt des neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Stuttgarter Landesbischof Helmut Class.

Und dazu noch, Tag für Tag und jeweils viele Stunden lang, in sechs Arbeitsgruppen zu Fragen des Glaubens und der Welt Referate und Diskussionen, von denen am Schluß dies und das in Resolutionen Eingang fand: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Südafrika, gemeinsamer Religionsunterricht in den ersten Grundschuljahren, offenes Abendmahl, "zweites Programm" im Gottesdienst. Es wurde, wie stets auf Arbeits-Kirchentagen, viel Papier produziert – nutzloses Papier, leider, was die Adressaten betrifft und die Wirkung.