Die Nordiren haben gewählt. Nun kann eine der seltsamsten Legislaturperioden beginnen. Sie ist vorerst auf neun Monate befristet. Nur wenn bis dahin eine Regierung aus Protestanten und Katholiken gebildet werden kann, wird die Lebensdauer des Parlaments auf vier Jahre verlängert; andernfalls drohen Neuwahlen (zu den gleichen Bedingungen).

Die drei Gruppen von Abgeordneten, die aus der Wahl hervorgingen, können jedoch keineswegs sofort mit der Regierungsbildung beginnen. Erst müssen sie sich als "arbeitsfähige" Versammlung erweisen, was an einer fairen Geschäftsordnung, an interkonfessionell besetzten Ausschüssen und dergleichen gemessen wird. In die neue Verfassung für Nordirland sind so viele Vorbehalte eingebaut worden, daß man sich wundert, wie geringen Zulauf die extremistischen Kandidaten im protestantischen Lager fanden und wie wenig der Rat der IRA an die Katholiken befolgt wurde, ungültige Stimmzettel abzugeben.

Allerdings war auch für die "Versöhnungspolitiker" der Allianz-Partei nicht viel zu holen. Bei den Protestanten haben die Loyalisten, die gegen eine Machtteilung kämpfen, vier Sitze mehr als die Unionisten unter Brian Faulkner. Die einstmals unangefochtene Mehrheitsherrschaft kann schon deshalb nicht wiederkehren. Faulkner und die auf katholischer Seite erfolgreiche SDLP müssen zusammengehen, anders wird es kein Parlament und keine Regierung geben. Während sich London und Dublin nach dem Treffen Heath-Cosgrave über den Weg einig sind und die Republik bereit wäre, ein Ulster mit "großer Koalition" anzuerkennen, beginnt in Belfast das lange Feilschen um die Konzessionen, die dazu nötig sind. K.-H. W.