Nach dem glanzvollen Auftakt kommt die glanzlose Klein- und Schwerarbeit

Von Andreas Kohlschütter

In Helsinki hat sich der Vorhang zur "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) gehoben. Im Glanz der Scheinwerfer erstrahlt die Bühne, auf der sich der erste Akt dieses gesamteuropäischen Schaustücks abspielt. Zur Eröffnung und Verabschiedung der Aufträge an die Arbeitskommissionen, die dann im Herbst in Genf zusammentreten und die Dinge ins kleine und reine schreiben sollen, sind 35 Außenminister mit ihrem Troß erschienen. Außer Albanien hat sich jeder ost- und westeuropäische Souverän auf den Weg der Entspannung gemacht. Auch die USA und Kanada sind mit von der Partie.

Auf dem finnischen Parkett mischen sich die verschiedensten politischen Gangarten und Schuhgrößen: Nato- und Warschauer-Pakt-Staaten, Blocktreue und Blockfreie, Supermächte, Zwischenmächte und Kleinstgebilde wie der Heilige Stuhl, Liechtenstein und San Marino. Wird es, kann es in diesem bunt zusammengewürfelten Haufen zum Gleichschritt kommen? Ist die Sicherheit, die von den einen postuliert wird, auch die Sicherheit, von der die anderen sprechen?

Wieder einmal sind sich jedenfalls die vielen europäischen Zungen und Völker darin eins, ihre Politik vermehrt auf gemeinsames Handeln und gemeinsame Interessen auszurichten. Sie wollen es mit einem Frieden versuchen, der mehr ist als ein bloßes Nebeneinander und nur ein Verzicht auf Krieg. Sie suchen eine Friedensordnung für Europa erstmals nicht durch Diktat, sondern durch Konsens. Sie vereinen sich zu einem kühnen Experiment mit Risiken für Ost und West, aber auch mit Chancen für alle.

Die Gelegenheit ist günstig, die Ausgangslage besser als in vergangenen Zeiten. Als die Europäer 1815 in Wien zusammenströmten, um eine stabile Friedensordnung zu schaffen, waren sich die führenden Mächte jener Epoche noch über gar nichts einig, nicht einmal über die Frage, wer an den Beratungen teilnehmen dürfe. Daher kam es weder jemals zu einer förmlichen Eröffnung des Wiener Kongresses noch zu einer gemeinschaftlichen Sitzung aller seiner Mitglieder. Dem Kongreß von Helsinki dagegen fällt der Start leichter. Er braucht nicht erst zu tanzen; er ist gleich von Anfang an marschfähig, in Bewegung gesetzt von einem stärkeren Gemeinwillen und von der mächtigen Antriebsachse des sowjetischamerikanischen Globaldialogs.

Das Vetorecht der Schwachen