Dies fiel der Sowjetführung durch den westlichen Szenenwechsel im Jahre 1969 um so leichter: In Paris verließ de Gaulle, auf dessen Sprengkraft im europäisch-atlantischen Zusammenhalt Moskau immer wieder gesetzt hatte, die Bühne; in Bonn machte sich die neue Regierung Brandt daran, den Status quo an seinen empfindlichsten Stellen, der polnischen Westgrenze und der Grenze durch Deutschland, vertraglich zu akzeptieren; in Washington übernahm Richard Nixon die US-Präsidentschaft im Zeichen des Rückzugs aus Vietnam und einer "Ära der Kooperation" – bereit zum SALT-Dialog und zum großen Politgeschäft zu zweit.

Der Budapester Appell der Warschauer-Pakt-Staaten vom März 1969 war das Signal für eine sowjetische Europapolitik, die ihren Schritt gewechselt und ihren Kurs geändert hatte. Moskau entwickelte etappenweise bis 1972 ein europäisches Sicherheitskonzept, das für den Westen annehmbar wurde und die Bahn für Helsinki freigab:

  • Während die Sowjets 1966 noch ein amerikafeindliches und bündnisersetzendes "System der kollektiven Sicherheit in Europa" gefordert hatten, beschränkten sie sich seit 1969 mehr und mehr auf die Einberufung einer bündnisübergreifenden "gesamteuropäischen Konferenz zu Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit" unter Einbeziehung der USA und Kanadas. Das bedeutete ein Abrücken von der alten Kreml-These, wonach die Blockbildung – vor allem die Nato – nicht die Folge, sondern vielmehr die Ursache aller kaltkriegerischen Übel sei und es, solange sie andauert, in Europa weder Entspannung noch Sicherheit geben könne. Das bedeutete zugleich eine Annäherung an westliche Verfahrens- und Zielvorstellungen, wonach die bestehenden Allianzen und Abschreckungspotentiale in den Entspannungsprozeß eingebaut werden müssen und an ihre Auflösung vorläufig nicht zu denken ist.
  • Durch die Anerkennung des Prinzips der allianzbehüteten "bewaffneten Entspannung" ist Moskau den westeuropäischen Sicherheitsbedürfnissen ein entscheidendes Stück entgegengekommen. Sie sind auf die Erhaltung europäischer Gleichgewichte ausgerichtet. Sie können gegenüber der geopolitisch erdrückenden Kontinentalmacht nur durch atlantisch armierte Gegengewichte befriedigt werden. Ein bündnisfreies, vor Amerika "sicheres" Europa – "nur für die Europäer" – wäre ein Europa gebunden an den russischen Giganten und ohne jede Sicherheit vor der Sowjetunion. Die Kreml-Diplomatie mußte einsehen, daß die Westeuropäer für dieses sowjetische Traumziel nicht zu begeistern waren. Das vom Direktor des Moskauer Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen, Inosemzew, ausgearbeitete Zukunftsmodell für ein friedlich koexistierendes Europa geht denn auch davon aus, daß die "direkten Beziehungen" zwischen Westeuropa und den USA intakt bleiben. Den "allmählichen Abbau der Militärfunktionen der Blöcke" sieht Inosemzew nur auf dem Hintergrund einer nicht gestörten strategischen Weltbalance und der "strikten Respektierung" des militärischen Kräftegleichgewichtes in Europa.
  • Ursprünglich war die sowjetische Entspannungsoffensive in erdrückender Lawinenbreite darauf angelegt, dem Westen von allem Anfang an eine Endlösung à la russe aufzuzwingen. Jetzt wird die Entspannung als Prozeß verstanden und auf Raten und mit Konditionen praktiziert. Durch die Einbettung in den Allianzrahmen und in diplomatische Kanäle ist sie für beide Seiten kontrollierbar und kalkulierbar geworden. Das lag nach der bitteren Prager Erfahrung im ureigensten Interesse der Kremlführung. Damit wurden aber die von der UdSSR angesprochenen westlichen Entspannungspartner auch mitbestimmend für den weiteren Gang und vor allem für das Tempo. Es hängt jetzt von ihrem Verhalten ab, inwieweit sich die sowjetischen Nah- und Fernziele für Europa verwirklichen lassen. Ihr Jawort zur Sicherheitskonferenz, auf die Moskau immer ungeduldiger drängte, erwies sich bereits als wirksamer Hebelarm beim Zustandekommen des Berlin-Abkommens, der innerdeutschen Verträge und für die Festlegung der sich sträubenden Sowjets auf Truppenreduzierungsgespräche (MBFR). Weil Moskau mit seinem maximalistischen Europakonzept nicht weiterkam und statt dessen auf ein stufenweises Aushandeln von Entspannungspositionen einging, kam es schließlich zum Handel von Helsinki.

Keine Kapitulation des Westens

Dabei zeigt sich, daß diese Weichenstellung nach Helsinki den Westen bisher keineswegs, wie die Kassandras behaupten, auf eine mit einseitigen Verzichten gepflasterte Einbahnstraße geführt hat. Im Gegenteil, die westliche Kapitulation und Aufweichung hat nicht stattgefunden. Die Verlockungen des KSZE-Forums haben sich nicht desintegrierend ausgewirkt. Auf der Vorkonferenz sprach die EWG mit einer Stimme, und auch in der Nato haben sich die Konsultations- und Koordinationsbemühungen nicht abgeschwächt, sondern verstärkt. Moskau erhält jetzt zwar jenen gesamteuropäischen Kongreß, um den der Kreml jahrelang geworben hat, aber nicht auf die schnelle, leichte und propagandistische Tour, die dafür eingeplant, und nicht zu dem niedrigen Preis, der dafür veranschlagt worden war.

Die eigentliche KSZE-Geschichte muß allerdings erst noch geschrieben werden. Noch liegen erst Arbeitsaufträge an die Kommissionen und Unterkommissionen vor. Die Außenminister werden in Helsinki Regieanweisungen ohne Klartext hinterlassen. Überschriften ohne Inhalt, etikettierte Verhandlungskörbe, die später in Genf zu Markte getragen und gefüllt werden müssen; Aber entscheidende Orientierungspunkte sind gesetzt und die Linien des KSZE-Spielfeldes deutlich erkennbar geworden.

Die Durchsicht der vier Verhandlungskörbe ergibt, daß der Westen keinen Schaden genommen hat: