Die Tatsache, daß Moskau so beharrlich den Zusammentritt der Sicherheitskonferenz vorantrieb, bedeutet jedenfalls noch lange nicht, daß sie für den Westen zu einem existenzgefährdenden Verlustgeschäft werden und böse enden muß – wie es die Schwarzseher prophezeien. Entspannung wird nicht deswegen ein Ding des Teufels, weil auch die Sowjetunion daran Interesse zeigt. Gesamteuropa heißt nicht Untergang des Abendlandes, bloß weil auch die Kremlherrscher das Wort im Munde führen.

Die Angst vor dem russischen Koloß, dessen Größe alle europäischen Dimensionen sprengt, ist alt und sitzt tief. Sie schlug schon 1815 auf dem Wiener Kongreß Alexander I. entgegen, über den der französische Botschafter damals in sein Tagebuch schrieb: "Hinter seiner scheinbaren Ungezwungenheit steckt immer List und Kalkül." Was plante der undurchschaubare Zar, der sein Land so streng von allen westlichen Einflüssen abschirmte und so wenige seiner Subjekte ausreisen ließ, hinter den Kremlmauern? Was hatte der allen überlegene und bis an die Zähne bewaffnete mit seinem Einmillionenheer vor? Gegen wen würde sich der Expansionsstoß richten, gegen Österreich und Preußen in Zentraleuropa oder gegen das schlaff gewordene Reich des Sultans an der Südflanke?

1973 in Helsinki das gleiche Mißtrauen, die gleiche Ungewißheit, die gleichen Fragen. Und doch wiederum ein historischer Anlauf zur europäisch-russischen Gemeinsamkeit.

Noch besteht ihr Kitt aus nicht viel mehr als dem spiegelbildlichen Risiko der Aufweichung und der in Ost und West gehegten Hoffnung, daß die andere Seite den Wettlauf mit der Dekadenz gewinnen möge. Aber die europäische Tür steht wieder offen. An Moskau ist es, sich an diese Öffnung zu halten und die Schwellen zu respektieren. Am Westen ist es, der Sowjetunion in ihrem osteuropäischen Vorraum zwar frische Luft, aber doch keine unverkraftbaren Windstöße zuzumuten.

Die Westeuropäer dürfen der Begegnung auf dem Marktplatz von Helsinki nicht ausweichen. Sie müssen sie ernst nehmen, ohne die Umschlagsmengen zu überschätzen. Sie müssen vor allem wissen, daß sie dort vieles einhandeln und aushandeln können, nur ihre militärische Sicherheit nicht. Die ist allein im West-West-Geschäft zu haben. Denn wenn der Kreml – was nie auszuschließen ist – doch wieder einmal "die Tür zuknallt, daß ganz Europa wackelt", wie Trotzkij einst drohte, dann braucht der westliche Teil des zitternden alten Kontinents stoßsichere Türangeln eigener Machart.