Uruguay erlebte in der vorigen Woche einen "kalten Staatsstreich" seines Präsidenten Bordaberry. Mit Hilfe der Armee löste der 45jährige am Mittwoch das Parlament auf und will von nun an mit Hilfe eines Staatsrates durch Dekret regieren. Den beiden Häusern des Kongresses, in denen seine Partei, die Colorados, in der Minderheit ist, warf der Staatspräsident vor allem vor, ihn im Kampf gegen die Subversion nicht unterstützt zu haben; einige Abgeordnete hätten mit den Tupamaros zusammengearbeitet.

Er wolle keine Diktatur errichten, versicherte der Präsident nach seinem Staatsstreich. Nach Ablauf seiner Amtszeit, 1976, könne das Volk bei den Präsidentschaftswahlen über seine Politik urteilen.

Die Lage in der Hauptstadt ist gespannt. Der Präsident hatte den kommunistisch orientierten Gewerkschaftsbund CNT aufgelöst und die Gewerkschaftsführer, soweit sie nicht entkommen sind, verhaften lassen. Vorausgegangen war ein Aufruf des Gewerkschaftsbundes zum Generalstreik, der die meisten Betriebe des Landes stillgelegt hatte. Dadurch kam es zur Verknappung von Treibstoff und Nahrungsmitteln.

Ohnehin steht Uruguay trotz guter Weltmarktpreise für seine Hauptexportgüter Fleisch, Wolle und Häute in einer kritischen Phase. Die Schwierigkeiten – Inflation, Lohnkämpfe, hohe Auslandsverschuldung, Korruption – lasten die Militärs dem Parlament an, dessen oppositionelle Mehrheit eine straffere Staatsführung verhindert habe. Staatspräsident Bordaberry hat sich die Machtmittel nun mit Gewalt geholt. Bezweifelt wird freilich, ob der Großgrundbesitzer Bordaberry erkennt, was der einstigen südamerikanischen Musterdemokratie vor allem nottut: strukturelle Reformen.