Die Lehren aus der jüngsten Währungskrise

Von Rudolf Herlt

Wie viele Aufwertungen der Mark werden wir noch über uns ergehen lassen müssen? Die letzte war noch keine Stunde alt, da wurde Bundesfinanzminister Helmut Schmidt gefragt, wann mit der nächsten zu rechnen sei. Er hat es ehrlicherweise nicht einmal bestritten, daß bald wieder eine – sie wäre dann die sechste – ins Haus steht.

Noch 1969 wurden um die Aufwertung innenpolitische Schlachten geschlagen; die Exporteure fürchteten um ihre Existenz, die Bauern um ihr Einkommen. 1973 ist die Aufwertung ein wirtschaftspolitisches Instrument unter anderen, das von Helmut Schmidt ohne Scheu angewendet wird und das von der Wirtschaft längst nicht mehr als Exportkiller betrachtet wird. Trotz der fünf Aufwertungen steigen die Exportziffern unentwegt weiter.

Die Aufwertungen haben aber auch nicht verhindern können, daß die Inflation ihr zerstörerisches Werk fortsetzte. Denn in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ha... ein Vulkan zu arbeiten begonnen. Er spie Dollar aus, die in immer gewaltigeren Mengen andere Länder überfluteten, dort, gestützt auf die Umtauschpflicht fester Wechselkurse, die Geldmenge aufblähten und jede inflatorische Torheit alimentierten, gleichgültig ob sie vom Staat, von den Tarifpartnern oder den Banken begangen wurde. Die festen Wechselkurse waren immer wieder eine neue Einladung an die Besitzer frei vagabundierender Gelder, so zu disponieren, daß sie Aufwertungsgewinne einstreichen können.

Trotz dieser Mängel gab es keine internationale Währungskonferenz, die sich nicht zum Grundsatz "fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse" bekannt hätte. Da den Wechselkursen in der Praxis aber die Eigenschaft der raschen Anpassungsfähigkeit durch Auf- oder Abwertungen fehlte, mußte die westliche Welt zuletzt nur mit den Schattenseiten fester Wechselkurse leben.

Ganz allmählich und gegen die Statuten des Internationalen Währungsfonds setzten sich da und dort freie Wechselkurse durch. Die Notenbanken floatender Währungen wurden von der Pflicht entbunden, zur Kursstützung auf den Devisenmärkten einzugreifen. Die Regierungen, die sich zum Floaten entschlossen – zu ihnen gehörte sehr früh die kanadische Regierung und später von Mai bis Dezember 1971 die Bundesregierung und die Regierung der Niederlande –, hatten anfangs ein schlechtes Gewissen.