Zum viertenmal ist es der Landeshauptstadt Klagenfurt – Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Kärnten – gelungen, eine "Begegnung" zustande zu bringen, die sich auf jedem internationalen Parkett sehen lassen könnte. Der österreichische Rundfunk hat auch diesmal wieder kräftig dabei mitgeholfen, indem er den größeren Teil der Kosten übernahm und einspielte. Es gibt schlechtere Programme.

So eine Art Werkstattgespräch wie zwischen Volker Braun, einem der interessantesten Bühnen-Autoren der östlichen deutschsprachigen Welt, und Peter Handke, über den Vergleichbares im Westen zu sagen wäre – wo ergibt sich das schon?

In Klagenfurt ergab es sich ganz zwanglos. Das unterscheidet diese "Begegnungen" wohltuend von dem überorganisierten Leerlauf mancher Festivals und Kongresse: daß sich dort das meiste – unter Ernst Willners Regie – ganz zwanglos ergibt.

Ganz zwanglos geht auch manches schief, kam es diesmal zu einem großen Krach. Die konkrete Verwirklichung des abstrakt formulierten Themas "Theater zwischen Tradition und Utopie" geriet zwischen zwei Bühnen-Beispiele, die nicht dazu angetan waren, die Lebensfähigkeit des Theaters zu demonstrieren, wie sie von allen, die da einander begegneten, beschworen wurde.

Am ersten Abend versuchten Quizmaster Hans Joachim Kulenkampff (als Professor Higgins) und Begleitpersonen vergeblich, Pygmalion und seine schöne Salome, diesen höchst attraktiven Welterzählstoff, in der Fassung des weisen irischen Spötters George Bernard Shaw, zu killen. Für alle außer den gestrengen und weitgereisten Theaterkritikern blieb das eine lustige und nachdenkenswerte Geschichte.

Am zweiten Abend präsentierte der 29jährige österreichische Autor Wilhelm Pevny ein "bürgerliches Lustspiel", das, fürs Fernsehen von zwei Stunden auf eine Stunde gekürzt, bei dieser Gelegenheit aufgezeichnet wurde. Das Stück heißt "Theaterleben" und behandelt die demagogische Einsichtslosigkeit der Herrschenden, von Napoleon über Hitler und die deutschen Kapitalisten bis zu den österreichischen Parlamentariern von heute, wie sie sich spiegelt in einem im 21. Jahrhundert als Sanatorium für pathologische Rollenträger umgewandelten Theater des 20. Jahrhunderts. Daß all unsere stolzen Stadttheater demnächst schließen und allenfalls für Irre wiedereröffnet werden, wollte der Autor mit seinem an Peter Weiß und den Marat-Sade von fern erinnernden Stück offenbar dennoch nicht gesagt haben. Worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen sollte, blieb auch in einer Dreiviertelstunden-Diskussion nach der Aufführung einigermaßen unklar. Die etwa fünfzig Schauspieler und Techniker, die Pevny dafür in Bewegung gesetzt hatte, verargten ihm das eigentlich im Verhältnis zum Aufwand nicht recht durchschlagende Ergebnis offenbar nicht. Sie ergriffen – in jener Nach-Diskussion – leidenschaftlich Partei für den Autor und sein Stück und (ein offenbar sehr wichtiger Aspekt) die auf totale Mitbestimmung gegründete Produktionsform.

Auch das Publikum, angereichert durch Professoren und Studenten der nicht recht in Schwung kommenden Erziehungswissenschaft! Hochschule, stellte sich entschlossen hinter den Autor, so daß den illustren Kritikern, die dann, auf der Bühne diskutierend, eine Quintessenz zu abstrahieren versuchten (Reinhard Baumgart, Paul Blaha, Henning Rischbieter, Jürgen Rühle und György Sebestyén), geradezu Haß entgegenschlug, als sie – schonend und bedächtig – darauf hinwiesen: für so eine simple Lehre (autoritär Herrschende sind böse und werden von den Kapitalisten unterstützt) sei der Aufwand vielleicht doch ein bißchen groß gewesen. Ich halte es für unwahrscheinlich, daß "Theaterleben" jemals auf einer größeren Bühne gespielt wird – eben wegen dieses Mißverhältnisses zwischen Aufwand und Ergebnis, das einigen doch recht offenkundig wurde.