Von Jürgen Kramer

Washington, im Juli

Der ehemalige Rechtsberater Richard Nixons, John Dean, hat es zuwege gebracht, den Zweifel Amerikas an der Integrität seines Präsidenten auf die simple, provokative Frage zu reduzieren: lügt Dean oder Nixon? Nicht nur Zyniker hatten sofort die Antwort parat, die Wahrheit könne man wohl weder vom einen noch vom anderen erwarten. Symptomatisch für diese allgemeine Desillusion mag die von dem Kommunisten Schmith Hempstone in den Washingtoner Star News gestellte Frage sein: "Würden Sie von Dean einen Gebrauchtwagen kaufen?" Richard Nixons Integrität ist mit dieser rhetorischen Frage oft genug in Zweifel gestellt worden. Aber ähnlich wie es Nixon vor der Watergate-Affäre mit kühnen außenpolitischen Initiativen verstanden hatte, sein schlechtes Ansehen früherer Jahre vorübergehend von sich abzuschütteln, gelang es in der vergangenen Woche seinem ehemaligen Gehilfen im Weißen Haus, sich mit einer kühn vorgetragenen Attacke als glaubwürdiger Ankläger des Präsidenten zu präsentieren, obwohl er selbst mit beiden Beinen im Morast des Watergate-Skandals steckt.

Mit selbstbewußter Kaltschnäuzigkeit hat der 34jährige John Dean die sieben Senatoren des Watergate-Untersuchungsausschusses und darüber hinaus die Öffentlichkeit vor die Wahl gestellt, entweder dem Präsidenten oder ihm zu glauben, eine Herausforderung, über deren Anmaßung er sich wohl bewußt ist. "Es ist mir klar, daß es eine kaum lösbare Aufgabe für mich ist, in die ich mich da eingelassen habe: meine Aussage gegen die des anderen zu stellen", womit er auf das Dementi Präsident Nixons anspielte, mit der Planung oder Vertuschung der Watergate-Aktion irgend etwas zu tun zu haben. Doch Dean – "ich weiß, daß die Wahrheit mein einziger Verbündeter ist" – nahm das Risiko auf sich, seine eigene, begrenzte Glaubwürdigkeit mit der Nixons zu konfrontieren. Er profitierte dabei zumindest fürs erste davon, daß seine Anklage gegen den Präsidenten ein viertägiges Kreuzverhör fast unerschüttert überstand, während sich der Präsident einstweilen immer noch scheut, öffentlich Rede und Antwort zu stehen.

John Dean wußte sehr wohl, daß es nicht genügen würde, mit dem Finger auf Nixon zu zeigen. Das hatten schon andere vor ihm ohne großen Effekt getan. Er präparierte deshalb auf 245 Seiten eine Anklageschrift, die die Entwicklungsstufen der Watergate-Affäre und vor allem seine eigenen Unterhaltungen mit dem Präsidenten detailliert wiedergab. Das präzise Erinnerungsvermögen Deans machte ebenso Eindruck wie die leidenschaftslose, fast um eine Note zu betont sachlich unterkühlte Art, in der er sein Gedächtnisprotokoll sechs Stunden lang vortrug, ehe er sich einem fast zwanzigstündigen Verhör stellte.

Der am 30. April entlassene Rechtsberater Nixons, so versuchte das Weiße Haus zu kontern, sei der eigentliche Drahtzieher bei der Planung und Vertuschung der Watergate-Affäre gewesen. Jetzt versuche er seine eigene Haut zu retten, indem er die Schuld auf andere, gar den Präsidenten selbst abzuwälzen trachte. Doch diese Gegenoffensive des Weißen Hauses war zu plump angelegt, als daß sie John Dean hätte aus der Reserve locken können.

Sein sonorer Bariton geriet nicht ein einziges Mal in unkontrollierte Schwingungen, wenn Dean sich am Zeugentisch vorbeugte und schmallippig immer wieder dieselben Fragen mit anscheinend unerschöpflicher Geduld beantwortete. Keine ausladende Gebärde der Hände, nicht einmal ein nervöses Trommeln mit den Fingern auf den Tisch waren zu registrieren. John Dean präsentierte sich sowohl in seinem äußeren Erscheinungsbild wie beim nimmermüden Beharren auf seiner Version in der Rolle des unbestechlichen Buchhalters der Wahrheit, so, als sei sie ihm schon immer auf den Leib geschnitten gewesen.