Mit der Oktoberrevolution in Rußland sollte nach dem Willen der Bolschewisten eine neue Ära des Internationalismus eröffnet werden. Im März 1919 wurde dann schließlich die III. Internationale gegründet, die Komintern, die im folgenden Jahr ihre zentralistische Organisationsform fand. Die Komintern war als eine einheitlich geführte Weltpartei gedacht, deren Mitgliederparteien nur nationale Sektionen sein sollten.

Zwei ausgewiesene Kenner der Komintern haben sich zur Aufgabe gemacht, die Anfänge der III. Internationale bis zum Jahre 1924 in aller Ausführlichkeit darzustellen. Der erste Band, der mit dem Frühjahr 1921 abschließt, ist bereits erschienen:

Branko Lazitch and Milorad M. Drachkovitch: "Lenin and the Comintern", Volume I.; Hoover Institution Press, Stanford, California 1972; 683 S., $ 17,50.

Dieses Buch verdrängt die Monographie von J. W. Hülse von ihrem Platz, die bis dahin als die gründlichste Arbeit über die ersten Jahre der Komintern angesehen wurde. Die beiden Autoren konnten sich auf eine Reihe unveröffentlichter Quellen stützen, so auf Papiere P. Levis, K. Radeks und einige Sitzungsprotokolle. Sie werteten darüber hinaus die gedruckten Materialien vor allem in russischer, deutscher, französischer und englischer Sprache aus. Deutsch war zunächst die offizielle Sprache der Komintern, erst seit 1924 setzte sich allmählich die russische Sprache durch. Ob Lazitch und Drachkovitch die gesamte Sekundärliteratur zu Rate gezogen haben, mag dahingestellt bleiben.

Die beiden Autoren wollen keineswegs die Geschichte der verschiedenen kommunistischen Parteien nachzeichnen, sie beschränken sich im wesentlichen auf die Darstellung der Rolle, die die Komintern in den nationalen Sektionen spielte. Sie stellen mit gutem Grund Lenin, den eigentlichen Motor der neuen Internationale, in den Mittelpunkt. Anfangs machten die russischen Kommunisten oft keinen deutlichen Unterschied zwischen ihrer Außenpolitik und ihren weltrevolutionären Aktivitäten. Trotzkij, der an die Spitze des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten berufen wurde, meinte, daß eine schnell um sich greifende Weltrevolution die Diplomatie alten Stils überflüssig machen – würde, und spottete im ersten revolutionären Überschwang: "Was für diplomatische Arbeit werden wir denn haben? Ich werde einige revolutionäre Proklamationen an die Völker erlassen und dann den Laden schließen."

Da das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) von Anfang an seinen Sitz in Moskau hatte, ergab sich eine Beeinflussung der kommunistischen Weltbewegung durch das Gastland ganz von selbst. Auf dem II. Kongreß der Komintern hatte, der Niederländer D. Wijnkoop vorgeschlagen, das EKKI außerhalb Rußlands unterzubringen, damit es nicht ganz und gar von den russischen Kommunisten inspiriert und dirigiert würde. Aber alle Bestrebungen, das Monopol der Sowjetrussen in ideologischen und organisatorischen Fragen zu brechen, waren zum Scheitern verurteilt. Die sowjetische Führung behielt das letzte Wort.

Mit großer Akribie schildern Lazitch und Drachkovitch zum Schluß des Buches die miß-glückte Märzaktion in Deutschland (1921) und den Fall Levi. Unter der Führung Paul Levis hatten die deutschen Kommunisten putschistische Abenteuer vermieden. Im Februar 1921 war Levi jedoch aus der Zentrale der KPD ausgeschieden. Die neue Führung suchte zu beweisen, daß man durch mutige Aktionen die Revolution herbeizwingen könne. Die eigentliche. Initiative zur Märzaktion ging aber wohl von den Moskauer Emissären Béla Kun, J. Pogány und A. Guralski aus. Es ist nicht klar, ob die "Turkestaner" – so nannte Levi die drei Scharfmacher – ihre Vollmachten von der Kominternspitze überschritten oder aber im Einverständnis G. Sinowjews handelten. Die Märzaktion war ein dilettantisch vorbereiteter Aufstand, dem 145 Arbeiter zum Opfer fielen und der mit einem großen Debakel für die Kommunisten endete. Sie war, wie die beiden Autoren belegen können, zur innerpolitischen Entlastung Sowjetrußlands begonnen worden.