Hierzulande frühstückt man gern. Oder besser: wer gern frühstückt, frühstückt gern gut. Es gibt freilich Menschen, die in allen Ernährungsempfehlungen als Schreckgespenster auftauchen, weil sie morgens nur eine Tasse Kaffee in sich hineingießen: die Morgen- oder Frühstücksmuffel.

Frühstücke wie ein König! – das ist das Gegenbild, und man hat es in Gold gemalt, weil es so viele Nichtfrühstücker gibt, die Schulkinder mitmuffeln müssen und weil es tatsächlich so viel gesünder ist, sich morgens satt zu essen, statt sich abends nach der Tagesschau den Bauch vollzuschlagen. Das hat zwar nichts genutzt; denn die einen schütteten nur weiter hastig den Kaffee in sich hinein, und die Frühstücks-Könige waren – laut Ernährungsstatistik – eh nur diejenigen, die sonst erst zu Mittag mit dem kräftigen Essen beginnen.

Zur Frühstücksermunterung erfand mal unterdessen zum ich weiß nicht wievielten Male den Brunch, jenen Zwitter aus breakfast und lunch, der sich, vielleicht des Namens wegen, nie so recht durchsetzen konnte. und den von Anfang an ein gewisser Hauch von Frivolität umspielte. „Ich brunche“ heißt: „Ich bin ein Langschläfer!“ und mein Großvater sagte: „Ein anständiger Mensch schläft nicht bis in die Puppen!“ Er hackte sich noch jeden Morgen beim Hahnenschrei seine Buchweizengrütze mit dem Löffel in kleine Stücke, als es schon längst keine Felder mehr gab, über die man so früh hätte reiten müssen, und wenn ich mein Abc-Schützen-Frühstück bekam, trank er Kaffee und aß sein Ei. Zweites Frühstück. Ordentlicher Tageslauf.

Ein junger Verwandter, der damals in Berlin um 11 Uhr vormittags im Morgenrock brunchte und sich dabei Schokoladenraspel über Porridge streute, wurde verachtet. Früh aufstehen und ungeheizte Badezimmer, das waren Charakterfragen. Wichtiger als diese Charakterfestigkeiten erscheinen freilich die handfesten Vorteile. Brunch ist eine gesparte Mahlzeit am Wochenende. Weniger Kalorien, weniger Arbeit, Brunch befreit die Hausfrau wenigstens sonntags von der Küchensklaverei für die Familie. Tee und Kaffee sind sowieso in der Kanne, und warum nicht dazu noch ein Spiegelei braten?

Wer nicht weiß, wie man bruncht, kann es unterdessen genauso wie das Austernschlürfen im Restaurant lernen. So etwa in Hamburg, wo man jeden Sonntag von zwölf bis zwei an einem spendablen Buffet – kalt und warm, Hering und Quiche Lorraine, Butterkuchen und Obstsalat – das Brunch-Schlemmen üben kann.

Und genau da liegt der Haken: Das zweite Frühstück stillt den Zwischenhunger des Frühaufstehers. Der klassische Brunch fügt zum Tee oder Kaffee einen Saft und einen warmen Happen und ein spezielles leichtes Sonntagsgefühl hinzu.

Mahlzeiten haben zu allen Zeiten lange gebraucht, bis sie Sitte wurden. Die Könige von Frankreich haben bis zum Beginn der Neuzeit um acht Uhr in der Früh’ zu Mittag gegessen, der Doge von Venedig um zwölf Uhr, die „vornehme Welt in Berlin“ zur Goethe-Zeit um zwei Uhr nachmittags und englische Könige um zehn Uhr abends. Der Brunch hat da wohl auch noch seine Chance. Sybil Gräfin Schönfeldt