DIE ZEIT

Enttäuschung in Berlin

Die nach Breschnjews Bonn-Visite aufgekeimten Hoffnungen, nun werde sich die Lage in und um Berlin endlich normalisieren, hatten ein kurzes Leben.

Keine Rollbahn

Euphorie und Begeisterung kamen bei aller diplomatischen Nonchalance und Schäkerei nie auf. Für Träumer und Illusionisten war es weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Normale Koalition

Wenn sich früher die Journalisten und Politiker den Kopf über die FDP zerbrochen haben, so war der Anlaß meist die Frage: Wird die Partei überleben? Jetzt schießen wiederum die Spekulationen ins Kraut, freilich aus anderem Grund: Die Liberalen sind durch eine solide Zunahme an politischem Gewicht für die CDU interessant, für die SPD zuweilen ärgerlich geworden.

Kranker Dollar

Wenn das Geld krank ist, mit dem wir über die Landesgrenzen hinweg unsere Schulden bezahlen, wird sehr bald auch die Ordnung infiziert, in der ein freier Handels- und Zahlungsverkehr gedeiht.

Alarm in den roten Rathäusern

Für die Bürger in den Großstädten der Bundesrepublik war es bisher unmöglich, nicht von der SPD regiert zu werden. Seit einigen Jahren jedoch bemühen sich die Sozialdemokraten mit Erfolg, die Gültigkeit dieses Satzes umzustoßen.

Worte der Woche

„Die Deutsche Demokratische Republik würde es begrüßen, wenn die völkerrechtlich bindende Anerkennung der territorialen Realitäten, wie sie sich im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsentwicklung in Europa herausgebildet haben, durch die Sicherheitskonferenz ihre multilaterale Bestätigung finden würden.

Zeitspiegel

Nach Schätzungen einer von Bundesbauminister Vogel eingesetzten Arbeitsgruppe wird der Ausbau Bonns zur Bundeshauptstadt rund dreizehn Milliarden Mark kosten.

Die Legende einer Elite

Westdeutschlands Fluglotsen können fürs erste aufatmen. Ihr oberster Dienstherr, Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen, hat die Drohung der persönlichen Inanspruchnahme aller oder einzelner Bummelstreikteilnehmer für den entstandenen Schaden – noch – nicht wahrgemacht.

Servan-Schreiber trennt sich von Lecanuet: Scheidung auf französisch

Staatspräsident Pompidou möchte nach seinen eigenen Worten die Vereinigte Linke spalten. Aber bis jetzt ist es ihm nur gelungen, das Häuflein der zerbröckelnden Mitte vollends auseinanderzubringen: Das Lager der „Reformatoren“, die sich in der Endphase des Wahlkampfes mit ihm „gegen die Gefahr von links“ verbunden hatten.

Arabische Unions-Pläne: Suche nach dem alten Paradies

Der Mann, der aus der Wüste kam, las der Damenwelt die Leviten. Auf eine Schultafel schrieb er unter dem Gattungsbegriff „Frauen“ die Eigenschaften „Jungfräulichkeit, Periode, Schwangerschaft“.

Watergate-Affäre: Nun Skandal um San Clemente

Gleichsam, als habe er eine sichere Vorahnung, wenn nicht gar einen diskreten Hinweis gehabt, daß auf alte Freunde in der Stunde der Bedrängnis Verlaß ist, kehrte Richard Nixon am Montag dieser Woche aus der Isolierung in San Clemente nach Washington zurück.

Wolfgang Ebert: Es stand in der FAZ

Ob sich die Steiner-Affäre mit der Watergate-Affäre messen kann, läßt sich noch nicht sagen. Aber ein ganz neuer Skandal kann es an Umfang und Bedeutung bereits mit dem Steiner-Fall aufnehmen.

Italien: Alter Wein in alten Schläuchen

Das Karussell, auf dem sich Italiens demokratische Politiker seit Jahren um die Probleme des Landes drehen, hat die gleichen Männer mit den gleichen guten Vorsätzen und Schwächen in der gleichen krisenhaften Verlegenheit an die Steuerhebel befördert: Zum 31.

Lokalzeit: Stadt auf dem Trockenen

Plötzlich war er da – der Wassernotstand. Als die Streifenwagen der Polizei am Mittwochmittag vergangener Woche durch alle Stadtteile Kassels fuhren und Beamte über Lautsprecher die Anordnungen des Oberbürgermeisters verkündeten, nahm es noch keiner so recht ernst.

Abhöraffäre: Wer warnte die Ganoven?

Der Tip war heiß. Im ersten Augenblick hielten ihn die Kriminalhauptmeister Heinz L. und Gerd S., zwei von 350 Bremer Kriminalbeamten, verheiratet, Familienväter, 47 und 38 Jahre alt, für einen Witz.

Deutsche Mayo-Klinik: Soviel Patienten wie noch nie

Deutsche Mayo-Klinik ist am Ende“ (Frankfurter Rundschau), „Trotz guter medizinischer Arbeit für die privaten Aktionäre kein Geschäft“ (Süddeutsche Zeitung), „Hessen macht Vorschläge für die Erhaltung des Wiesbadener Diagnose-Zentrums“ (Die Welt) So und ähnlich lauteten am vergangenen Wochenende die Meldungen über die Deutsche Klinik für Diagnostik, und Bild fragte: „Muß sie am Freitag sterben?“, womit Freitag der nächsten Woche gemeint ist, der 20.

Aktuelle Krisenherde

Das Geschehen in Kambodscha spitzt sich auf die Frage zu, ob das Regime Lon Nol überleben kann, wenn die massive Unterstützung durch amerikanische Bombenflugzeuge am 15.

Bahamas – ein neuer Staat

Vor Amerikas Haustür ist am Dienstag ein neuer Staat entstanden: die Bahamas wurden selbständig. Vor der mit mächtigen Säulen verzierten Residenz des britischen Gouverneurs in Nassau wurde der Union Jack eingeholt.

Fluglotsen: Streik untersagt

In der sechsten Bummelstreikwoche hat die Bundesregierung schweres Geschütz gegen die Fluglotsen aufgefahren. Sie erwirkte am Dienstag eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hannover, die es dem Flugleiterverband untersagt, die Bummelstreik-Aktion weiterhin zu fördern oder zu unterstützen.

Watergate: Mitchell vernommen

Als einer der wichtigsten Zeugen erschien am Dienstag der frühere Justizminister John Mitchell vor dem Untersuchungsausschuß zum Watergate-Skandal.

Anarchisten: Schüsse in Bochum

An Praktiken der Baader-Meinhof-Gruppe erinnert ein Zwischenfall in der Nacht zum Sonntag in Bochum. Als die 22jährige Gabriele Kröcher von der Polizei überprüft wurde, schoß sie sofort und verletzte einen Polizisten.

Italien: Die 35. Regierung

Italien, parlamentarisches Krisenland Nr. 1 in Europa, hat seine 35. Nachkriegsregierung (durchschnittliche Lebensdauer: 9,6 Monate).

Namen und Nachrichten

Trunkenheit am Steuer ist jetzt schon bei 0,8 Promille (bisher 1,5) strafbar. Der Bundesrat hat dem Gesetz zugestimmt Auch ohne Unfall kann der Fahrer mit diesem Blutalkoholspiegel seinen Führerschein bis zu drei Monaten verlieren und mit Geldstrafen bis zu 3000 Mark belegt werden.

Frankreich beharrt auf Atomversuchen

Der Bürgermeister Ton Hiroshima protestierte telegraphisch bei Staatspräsident Pompidou. Er ließ ihn wissen, daß noch immer hunderttausend Japaner an den Auswirkungen des amerikanischen Atombombenabwurfs von 1945 zu leiden hahaben.

Frühere Aussagen bestätigt

Mit der Vernehmung des Ehepaars Baeuchle und des FDP-Abgeordneten Geldner hat der parlamentarische Untersuchungsausschuß in Bonn in der vergangenen Woche auf zwei Ebenen geprüft, ob sich der Verdacht auf Korruption im Bundestag erhärten läßt.

Vorsichtiger Optimismus in Helsinki

Mit Optimismus erwartet Außenminister Scheel die zweite Phase der europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE) in Genf. Sonderbotschafter Brunner präzisierte diese Zuversicht am Ende der ersten Verhandlungsphase in Helsinki: „Auf der Konferenz ist die Bedeutung der menschlichen Kontakte als eines gleichberechtigten Faktors im Entspannungsprozeß deutlicher erkennbar geworden.

Berlin: Loch in der Mauer

Unmittelbar, nachdem in Helsinki Entspannung zelebriert worden ist, scheiterte in Berlin ein Fluchtversuch von drei DDR-Bürgern im Kugelregen der Grenzpolizei.

Die „Flut der Amerikanismen“: Wort, go home

Neulich, in Marbach, sprach der Bundespräsident eine Mahnung aus, wie man sie bisher nur von deutschtümelnden Sprachpflegevereinen gewohnt war: „Die seit Kriegsende bei uns in alle Bereiche des Lebens eingedrungene Flut von Amerikanismen muß endlich wieder zurückgedrängt werden.

Das falsche Ärgernis

Der erste (in der Zählung sechste) Band der großen, sechzehnbändigen Düsseldorfer Heine-Ausgabe, verlegt vom Verlag Hoffmann und Campe, ist erschienen.

Argumente für und gegen: Frühaufstehen

Es sei hier von der Leidenschaft fürs Frühaufstehen die Rede, wie sie etwa an Sonn- und Feiertagen oder im Urlaub sich austoben kann – also immer nur dann, wenn kein Muß dahintersteht.

Kunstkalender

Martin Johann Jenisch, erfolgreicher Bankier und verantwortungsbewußter Bürger, war ein Mann, der seiner Zeit um einen knappen, aber entscheidenden Schritt voraus war, und der es verstand, seine Gaben und Güter sowohl zur eigenen Freude wie auch zum allgemeinen Wohl zu nutzen.

Zeitmosaik

Der Luzerner Bürgersohn, der sich schon als Gymnasiast für den Leninismus begeisterte, gilt wegen seiner roten Gesinnung immer noch als schwarzer Fleck auf der weißen Schweizer Weste.

Filmtips

Im Fernsehen: „Sommersoldaten“ (Japan 1972) von Hiroshi Teshigahara (ARD 16. Juli). Wo die amerikanische Vietnam-Dokumentation Winter Soldier unpathetisch Kriegsverbrechen protokolliert und an Hand von Zeugenberichten versucht, deren Motivationen freizulegen, konzentriert sich der Japaner Teshigahara („Die Frau in den Dünen“) in seinem Spielfilm auf einen exemplarischen Einzelfall: die Geschichte eines US-Deserteurs in Japan, dem es nicht gelingt, sich in dem als exotisch begriffenen Milieu zurechtzufinden.

Abroad • Del extranjero • De l’étranger : Novitäten im Nest

Kommt man im Sommer nach Los Angeles und hält Ausschau nach guter Musik, glaubt man in eine verschlafene kleine Provinzgemeinde geraten zu sein: Die Sieben-Millionen-Megapolis mit einer so dichten Konzentration von hochbegabten Musikern, wie es sie in keiner anderen Stadt der Welt gibt, scheint ein Tummelplatz von Amateuren und Musikschülern zu sein und von gelangweilten Künstlern, die in Kirchen, Turnhallen und Museen, in Schulsälen und College-Auditorien vor einem spärlichen Publikum ein sehr gemischtes Programm von sehr gemischter Qualität darbieten, Eintritt meistens frei.

Von ZEIT-Mitarbeitern

Horst Künnemann: „Profile zeitgenössischer Bilderbuchmacher.“ Keine Kinder- und Erwachsenengeneration war mit einem verwirrenderen Bilderbuchangebot konfrontiert als die gegenwärtige.

Chiricos Streit mit sich und anderen

Giorgio de Chiricos gesammelte Schriften zur Kunst vereinigt ein Band, der den Titel "Wir Metaphysiker" trägt (ins Deutsche übersetzt von Anton Henze, herausgegeben von Wieland Schmied; Propyläen Verlag, Berlin; 236 S.

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