"Eine der allererfolgreichsten meiner vielen Reisen" nannte Verteidigungsminister Leber am vorigen Donnerstag seinen Besuch in Washington. In einem wichtigen Punkt brachte die Amerikavisite des Ministers allerdings ein von den bisherigen Bonner Vorstellungen abweichendes Resultat: Die Vereinigten Staaten streben eine begrenzte Verminderung ihrer Truppen in Europa schon für 1974 an. Gleichzeitig sollten auch die sowjetischen Statonierungsstreitkräfte vermindert werden. Erst in einer zweiten Phase würden, dieser Zielsetzung nach, europäische Truppenreduzierungen folgen.

Bonn war bis dahin vom Prinzip der Gleichzeitigkeit ausgegangen. Leber jetzt: "Man muß nicht beides im gleichen Atemzug tun." Dem Wunsch des Bündnispartners habe sich die Bundesrepublik nicht entziehen wollen. Er gab aber zu bedenken, daß es "ja auch noch die Gegenseite" gebe, die Sowjetunion, den Warschauer Pakt. Westliche Vorleistungen ohne sowjetische Teilabrüstung schloß Leber auf jeden Fall aus.

Der Verteidigungsminister brachte im übrigen die Gewißheit mit nach Hause, daß Europa von der nuklearen Garantie Amerikas nicht abgekoppelt sei. Das Nixon-Breschnjew-Abkommen zur Verhinderung eines Atomkrieges werde keinen negativen Einfluß auf das Bündnis haben.

In einem Kommuniqué stellten Verteidigungsminister Schlesinger und sein Bonner Kollege fest: "Die Strategie der Abschreckung und flexiblen Reaktion einschließlich der Vorneverteidigung bleibt Maßstab für Umfang und Art der Verteidigungsanstrengungen der Allianz."

Das Abkommen zwischen den Supermächten, so fand Leber in Washington bestätigt, verliert seine Geltung, wenn die Vereinigten Staaten oder einer ihrer Verbündeten angegriffen werden. Die Unkalkulierbarkeit des Risikos eines Atomkrieges für einen Angreifer bleibe gewahrt.

Vor Journalisten in Bonn erklärte Leber, der Osten halbe zwar "größere Zahlen" aufzuweisen, aber die Balance sei nicht in Frage gestellt.