Haussiers muß man in den deutschen Börsensälen heute mit der Lupe suchen. Kaufempfehlungen werden kaum noch gegeben. Jedenfalls nicht von den Kreditinstituten. Bei ihnen ist eine solche Politik verständlich. Denn Kunden mit Geld sind Gold wert, wenn für Tagesgeld 30 Prozent und mehr Zinsen gezahlt werden müssen. Aber auch die Börseninformationsdienste sind kleinlaut geworden, seitdem ihre Tips nicht mehr zünden.

Viele Papiere haben in diesen Tagen ihre "historischen" Tiefstkurse erreicht. Sie sind billiger zu haben als in der großen Baisse der Jahre 1966/67, die den Sturz von Bundeskanzler Erhard einläutete. Signalisieren die Kurse wieder eine Rezession? Wird sie vielleicht noch ärger als damals, weil die Liquiditätsnot größer und die internationale Wettbewerbsposition der deutschen Industrie infolge der verschiedenen Markaufwertungen sowie der anhaltenden Dollarschwache heikler ist?

Tatsächlich ist die Stimmung unter den Aktienbesitzern auf den Nullpunkt gesunken. Sie fragen sich: Soll man sich auch jetzt noch von Aktien trennen? Wohl dem, meine verehrten Leser, der sich in dieser Frage noch frei entscheiden kann. Viele Aktienbesitzer sind heute gezwungen, Aktien zu verkaufen. Entweder weil sie für ihre Betriebe flüssige Mittel anschaffen müssen oder weil sie von ihren Kreditinstituten gedrängt werden, beliehene Depots zu bereinigen. In zahlreichen Fällen bietet der durch die Kursrückgänge geschrumpfte Wert des Depots nicht mehr ausreichende Sicherheiten. Und Sicherheit wird im Kreditgewerbe heute groß geschrieben.

Kursstürze bei einigen Aktien mit engem Markt sind ein sicheres Anzeichen dafür, daß es immer mehr unfreiwillige Verkäufe gibt. Nach alter Erfahrung sind das Situationen, in denen man billig kaufen kann. Tatsächlich haben "alte Börsenhasen" damit begonnen, gute Aktien aufzunehmen. Das sind in diesem Falle Aktien solcher Unternehmen, bei denen der Gewinn in diesem Jahr noch weiter steigen wird und die auch aus heutiger Sicht langfristig eine vernünftige Ertragskraft garantieren können.

Die Leute, die jetzt kaufen, sind an einer raschen Börsenwende kaum interessiert. Sie wollen billig abkassieren und halten ihre Taschen sofort zu, wenn die Kurse zu steigen beginnen. Im Grunde warten sie noch auf den großen Börsenkrach, um dann ganz billig einsteigen zu können. Ihnen ist das Gerede von angeblich schwach werdenden Banken und von der von manchen Pessimisten an die Wand gezeichneten Weltwirtschaftskrise keineswegs unlieb. Gleiches gilt für die fast übereinstimmend negativen Prognosen der Banken. Und davon gibt es genug. So warnt die Westdeutsche Landesbank: "Die zur Zeit noch unkalkulierbaren Folgen der Währungsänderungen hinsichtlich des Konjunkturverlaufs und damit eng verbunden der Unternehmenserträge, die nach wie vor unbefriedigende Situation in der Preisentwicklung und die Erwartung, daß Bundesbank und Bundesregierung an ihrem Restriktionskurs festhalten werden, lassen es ratsam erscheinen, mit Engagements noch zu warten." Oder das Züricher Bankhaus Julius Bär & Co.: "Mit einer durchgreifenden Trendumkehr am deutschen Aktienmarkt ist im Hinblick auf die gegenwärtige monetäre, konjunkturelle und währungspolitische Lage vorerst kaum zu rechnen."

Die Frage ist: Lohnt es sich, angesichts des weitverbreiteten Pessimismus gegen den Strom zu schwimmen? Gibt es auch Zeichen, die hoffen lassen? Im Hause der Vereinsbank in Hamburg sind die Kursbewegungen zahlreicher bekannter Aktien bis in die Baisseperiode 1966/67 zurückverfolgt worden. Dabei wurde festgestellt, daß es Aktien gibt, die in jeder Baisse auf den früher erreichten Tiefpunkt zurückkehren und ihn auch unterschreiten, während bei anderen Aktien die Wende stets vor dem Tiefpunkt der vorangegangenen Baissebewegung eintritt.

Sieht man sich die "Tendenzaktien" an, so liegt, rein statistisch betrachtet, bei einigen Aktien die Wende nach oben sozusagen in der Luft: AEG, Bayer, Conti-Gummi, Hoechst, KHD und Preussag.

Hier sind aber zwei Anmerkungen zu machen. Die erste ist grundsätzlicher Art: Lassen sich überhaupt Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen? Haben wir es im Grunde nicht mit einer völlig neuen Situation für Aktienanleger zu tun? Früher brauchten nur die konjunkturellen Einflüsse sowie ihre Auswirkungen auf die Ertragslage der jeweiligen Gesellschaft ins Kalkül gezogen werden. Heute würde man den Kopf in den Sand stecken, falls man nicht die politischen Fakten berücksichtigte. Und sie laufen gegen das private Aktienkapital. Sehr bald werden wir eine irgendwie geartete paritätische Mitbestimmung in den Unternehmen haben und damit eine Schmälerung der Aktionärsrechte. Und irgendwann bekommen wir auch die Beteiligung der Arbeitnehmer am versteuerten Gewinn, also eine "Teilenteignung der Aktionäre", wie es der Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, Walter Hesselbach, einmal ausdrückte. Beide Aussichten werden nach meiner Ansicht die Rückkehr zu hohen Kursen beeinträchtigen.

Der zweite Einwand gegen eine rein statistische Betrachtungsweise: Man wird von Fall zu Fall prüfen müssen, ob der Tiefstkurs von heute allein die Folge der allgemeinen Aktienbaisse, also markttechnisch bedingt ist. Oder haben sich die Verhältnisse in den Unternehmen so gewandelt, daß eine niedrige Bewertung durchaus zwingend ist? Dies, so meine ich, ist sowohl bei Conti-Gummi als auch bei der Preussag der Fall.

Dagegen sollten nur geringe Bedenken gegen einen Erwerb von AEG-, Bayer-, Hoechst- und KHD-Aktien bestehen. Der vorsichtige Käufer geht natürlich nicht mit vollen Segeln in die Aktien, sondern hält immer einen Teil seines Pulvers trocken. Die Kurserholung kommt nie plötzlich, wahrscheinlich hat der Aktienmarkt noch eine längere Wanderung auf der Talsohle vor sich.

Wenn sich überhaupt Kaufüberlegungen rechtfertigen lassen, dann im Hinblick auf die Politik der Bundesbank, die neuerdings bemüht ist, die Liquiditätsnot nicht auf die Spitze zu treiben. Sie will auch einen höheren Nominalzins am Rentenmarkt vermeiden. Überdies hat Bundesbankpräsident Karl Klasen gerade wieder betont, daß sich die Bundesrepublik so extreme Zinssätze wie die gegenwärtigen nur für eine begrenzte Zeit leisten kann. Weder die Bundesbank noch die Bundesregierung werden wegen der Pleiten im Baubereich oder wegen Insolvenzen im Kreditgewerbe einen Finger rühren. Drohen aber Betriebsschließungen, bei denen Tausende von Arbeitsplätzen verlorengehen, sieht die Sache anders aus. Der Börsenausspruch "Jede Pleite bringt uns der Liquiditätserleichterung. näher" ist deshalb gar nicht einmal so unsinnig.

Ihr Securius