Hier sind aber zwei Anmerkungen zu machen. Die erste ist grundsätzlicher Art: Lassen sich überhaupt Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen? Haben wir es im Grunde nicht mit einer völlig neuen Situation für Aktienanleger zu tun? Früher brauchten nur die konjunkturellen Einflüsse sowie ihre Auswirkungen auf die Ertragslage der jeweiligen Gesellschaft ins Kalkül gezogen werden. Heute würde man den Kopf in den Sand stecken, falls man nicht die politischen Fakten berücksichtigte. Und sie laufen gegen das private Aktienkapital. Sehr bald werden wir eine irgendwie geartete paritätische Mitbestimmung in den Unternehmen haben und damit eine Schmälerung der Aktionärsrechte. Und irgendwann bekommen wir auch die Beteiligung der Arbeitnehmer am versteuerten Gewinn, also eine "Teilenteignung der Aktionäre", wie es der Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, Walter Hesselbach, einmal ausdrückte. Beide Aussichten werden nach meiner Ansicht die Rückkehr zu hohen Kursen beeinträchtigen.

Der zweite Einwand gegen eine rein statistische Betrachtungsweise: Man wird von Fall zu Fall prüfen müssen, ob der Tiefstkurs von heute allein die Folge der allgemeinen Aktienbaisse, also markttechnisch bedingt ist. Oder haben sich die Verhältnisse in den Unternehmen so gewandelt, daß eine niedrige Bewertung durchaus zwingend ist? Dies, so meine ich, ist sowohl bei Conti-Gummi als auch bei der Preussag der Fall.

Dagegen sollten nur geringe Bedenken gegen einen Erwerb von AEG-, Bayer-, Hoechst- und KHD-Aktien bestehen. Der vorsichtige Käufer geht natürlich nicht mit vollen Segeln in die Aktien, sondern hält immer einen Teil seines Pulvers trocken. Die Kurserholung kommt nie plötzlich, wahrscheinlich hat der Aktienmarkt noch eine längere Wanderung auf der Talsohle vor sich.

Wenn sich überhaupt Kaufüberlegungen rechtfertigen lassen, dann im Hinblick auf die Politik der Bundesbank, die neuerdings bemüht ist, die Liquiditätsnot nicht auf die Spitze zu treiben. Sie will auch einen höheren Nominalzins am Rentenmarkt vermeiden. Überdies hat Bundesbankpräsident Karl Klasen gerade wieder betont, daß sich die Bundesrepublik so extreme Zinssätze wie die gegenwärtigen nur für eine begrenzte Zeit leisten kann. Weder die Bundesbank noch die Bundesregierung werden wegen der Pleiten im Baubereich oder wegen Insolvenzen im Kreditgewerbe einen Finger rühren. Drohen aber Betriebsschließungen, bei denen Tausende von Arbeitsplätzen verlorengehen, sieht die Sache anders aus. Der Börsenausspruch "Jede Pleite bringt uns der Liquiditätserleichterung. näher" ist deshalb gar nicht einmal so unsinnig.

Ihr Securius