Im Gegensatz zu den anderen beiden Volksaktien Preussag und VW liegt der Kurs der Veba-Aktie seit Wochen bemerkenswert stabil. Er pendelt leicht um 116 Mark herum. Mit der relativ guten Ertragskraft der Veba allein ist das nicht zu erklären. Auch andere Unternehmen berichten von steigenden Gewinnen. Dennoch fallen ihre Kurse. Deshalb ist an der Börse die Meinung verbreitet, der Veba-Kurs werde "gepflegt", um eine Basis für die Verhandlungen mit dem RWE über den Kauf der Gelsenberg-Beteiligung zu haben. Gelegentlich wird bereits davon gesprochen, daß die Veba in absehbarer Zeit den freien Gelsenberg-Aktionären (52 Prozent am Aktienkapital von 485 Millionen Mark) ein Umtauschangebot im Verhältnis eins zu eins in Veba-Aktien machen wird. Der Gelsenberg-Kurs bewegt sich zur Zeit knapp unter hundert Mark für die 50-Mark-Aktie. Die Differenz ist so gering, daß einem in dieser Relation gemachten Angebot nur ein bescheidener Erfolg vorausgesagt werden kann. Es sei denn, "treue Freunde" der Veba haben in den vergangenen Monaten bereits "vorgesorgt" und halten runde 25 Prozent des Gelsenberg-Kapitals für die Veba bereit.

Für die Veba-Aktionäre wäre die Angliederung von Gelsenberg an ihr Unternehmen sicherlich eine erfreuliche Abrundung – auf die Dauer gesehen. Nur eines sollte im Rahmen der Obernahmeaktion nicht passieren: eine Verstärkung des Bundesanteils an der Veba wesentlich über die jetzigen 40 Prozent hinaus. Bekommt der Bund bei der Veba die Mehrheit, dann laufen die freien Veba-Aktionäre ständig Gefahr, "nationale Aufgaben" mitfinanzieren zu müssen, für die eigentlich die Masse der Steuerzahler aufzukommen hat.

Ohne die finanzielle Mithilfe der öffentlichen Hand kann der große nationale "Ölkonzern" nicht zustande kommen. Das hat in der ZEIT Nr. 30 Otto Graf Lambsdorff, FDP-Bundestagsabgeordneter, deutlich unterstrichen. Aber muß sie zwangsläufig zu einer Verschiebung der Eigentümerstruktur bei der Veba führen? Hier sollten die freien Veba-Aktionäre wachsam sein.

Merkwürdig still verhält sich der RWE-Vorstand in dieser Diskussion. Er sitzt in der Klemme. Noch ist nicht zu sehen, wie er da heraus kommen will, jahrelang hat er vor den RWE-Aktionären die Vorzüge der 1968 erworbenen Beteiligung an Gelsenberg preisen müssen, obwohl sich dieses Engagement als eine der großen RWE-Verlustquellen erwies. 43 Prozent des Gelsenberg-Kapitals wurden aus dem Besitz der Dresdner und der Deutschen Bank zu einem Preis von 240 Mark für die 100-Mark-Aktie erworben. Danach sind noch rund fünf Prozent über die Börse hinzugekauft worden. Insgesamt hat das RWE für das Engagement bei Gelsenberg über 500 Millionen Mark aufgebracht und darauf bisher knapp 100 Millionen abschreiben müssen. Kritiker des Gelsenberg-Erwerbs hatten von vornherein erhebliche Bedenken gegen die Verbindung RWE–Gelsenberg angemeldet. Und sie behielten recht. Jetzt wird immer mehr klar, warum das Paket gekauft worden war. Dazu Graf Lambsdorff: "Das RWE hat seinerzeit das Gelsenberg-Paket vor ausländischem Zugriff bewahrt, als die Bundesregierung dazu nicht in der Lage war." Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die RWE-Aktionäre haben rückblickend ein nationales Opfer gebracht, für das sie zumindest volle "Unkostenerstattung" verdienen.

Wenn dem RWE-Vorstand heute nahegelegt wird, bei dem Verkauf seines Gelsenberg-Pakets nicht auf dem Einstandspreis zu bestehen, so ist das eine schwerwiegende Forderung. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß das RWE Gelegenheit erhält, sich von einer Verlustquelle zu trennen. Denn dann müßte der RWE-Vorstand vor die Hauptversammlung treten und eingestehen, Millionenverluste durch diese Transaktion verursacht zu haben. Zu Recht würden die freien Aktionäre eine genaue Durchleuchtung dieser Angelegenheit, notfalls auch durch eine Sonderprüfung, verlangen können. Schließlich ist die Verlustquelle Gelsenberg mitschuldig an der katastrophalen Kursentwicklung ihrer Aktien.

Selbstverständlich ist der Veba nicht zuzumuten, dem RWE den schon damals überhöhten Kaufpreis – er wird nur verständlich, wenn man weiß, daß die beiden Großbanken ausländische Interessenten für ihre Gelsenberg-Pakete hatten – zu erstatten. Die Veba kann lediglich einen Preis zahlen, der dem Gegenwartswert von Gelsenberg entspricht. Und der liegt heute wesentlich unter dem Preis, den seinerzeit das RWE dafür gezahlt hat.

Die ganze Transaktion steckt voller aktienrechtlicher Probleme. Die freien Aktionäre aller drei beteiligten Gesellschaften müssen auf der Hut sein, daß der Pakettausch nicht auf ihrem Rücken abgewickelt wird. Es wäre gut, wenn jene Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Kleinaktionäre zu schützen und die Aktie zu popularisieren, über diesen Fall schon heute nachdenken würden. K. W.