Mit der Geschichtsschreibung seines Ressorts nimmt es Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs offenbar nicht sonderlich genau. In einer kürzlich erschienenen Broschüre des Ministeriums über die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Krisenjahres 1972 wird das spektakuläre Datum vom 7. Juli – der Rücktritt von Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller – verschwiegen.

Lediglich die Ursache des Schiller-Rücktritts wird mit einem knappen Satz gewürdigt: "Währungspolitische Beschlüsse der Bundesregierung über Maßnahmen zur Abwehr von Kapitalimporten." Auch sonst taucht der Name Karl Schiller in der Dokumentation nicht auf, während die Namen der Staatssekretäre wie auch der ausländischen Besucher in diesem Jahr sorgfältig – angeführt werden. *

Erwin K. Scheuch, Kölner Soziologieprofessor und Mitglied des "Bundes Freiheit der Wissenschaft", ließ sich mehrfach vom Staat bezahlen, ohne etwas dafür zu leisten. Erst kürzlich war bekanntgeworden, daß Scheuch vor zwei Jahren einen Forschungsauftrag zum Thema "Aufbereitung von empirischen Befunden zum Freizeitverhalten" übernommen und Voraushonorare erhalten hatte, bislang aber keine Gegenleistung lieferte.

Jetzt entdeckte der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Hansen einen zweiten bisher unerfüllten Staatsauftrag für Scheuch. Danach sollte der Professor für das Bonner Presseamt ein Gutachten über den "Anteil der Medien am Informationsprozeß" erstellen. Das Gutachten, für das Scheuch schon Geld bekommen haben soll, ist nach den bisherigen Ermittlungen von Hansen trotz eindringlicher Mahnungen nicht abgeliefert worden. Hansen will nun detailliert wissen, "aus welchen anderen Titeln des Bundeshaushalts der Hang dieses Hochschullehrers zum Sammeln von Forschungsaufträgen, die nicht erfüllt werden, gefördert" wird und welche Konsequenzen die Regierung aus dem Verhalten des Ordinarius ziehen will.

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Die Neugliederung des Bonner Wirtschaftsministeriums gestaltet sich recht schwer. Bis die neue Organisation des Minister riums steht, werden voraussichtlich noch vier bis sechs Wochen vergehen; die Änderungen sind jedenfalls noch voll im Gang. Schon jetzt allerdings zeichnet sich ab, daß Wirtschaftsminister Hans Friderichs die Gunst der Stunde kaum nutzen wird. Nach der Verabschiedung der Kartellnovelle, mit der die Aufgaben sowohl beim Bundeskartellamt in Berlin als auch im Ministerium umfassender werden, wurde erwartet, daß der Wirtschaftsminister eine eigene ordnungspolitische Abteilung (zumindest aber eine entsprechende Unterabteilung) einrichten würde. Nach wie vor aber sind diverse ordnungspolitische Referate unter verschiedenen Abteilungen. aufgeteilt. Eingefleischte Ordnungs- and Wettbewerbspolitiker sehen die Gefahr, daß vor allem der Bereich der Wettbewerbspolitik der allgemeinen Konjunkturpolitik untergeordnet bleibt. Die zu starke Fixierung auf die Konjunkturpolitik war schon zu Zeiten Karl Schillers häufig kritisiert worden.

Die Banken jammern über Andeutungen des Staatssekretärs Karl Otto Pöhl vom Bundesfinanzministerium, daß die Bundesbank künftig über das umstrittene Instrument der Kreditplafondierung – der direkten Reglementierung der Kreditvergabe an Privatleute und Unternehmen – verfügen dürfe. Anders als die meisten Bonner Beobachter scheinen sie nicht recht davon überzeugt, daß die FDP (einschließlich ihres Wirtschaftsministers Hans Friderichs) dieses ordnungspolitisch fragwürdige Instrument rigoros ablehnt.