Bunker, nicht Glashaus

Werner Hess, Intendant des Hessischen Rundfunks, ist immer wieder "verblüfft, wieviel Unkenntnis über die Organisation, die Programmintentionen, die finanziellen Probleme des Rundfunks in eigentlich allen Teilen der Bevölkerung anzutreffen ist". Für die meisten Zuschauer, bestätigt der Kritiker Rainald Merkert, ist das Fernsehen "ein Buch mit sieben Siegeln".

Seit einiger Zeit suchen deshalb die Redakteure ihr Medium durchschaubar zu machen, das Publikum aufzuklären und in kritische Sendungen einzubeziehen. Feedback, Transparenz, intramediäre Kritik, Zuschauerbeteiligung, Mitbestimmung, Demokratisierung sind einige Bezeichnungen für dieses Bestreben. Und "Schlagwort: ‚Transparenz‘ " heißt eine Broschüre mit Beiträgen dazu aus den Redaktionen der ARD.

Den Hauptteil nehmen Erfahrungsberichte über Sendungen wie "Glashaus", "Nachspiel", "Dialog mit dem Zuschauer" oder "Pro und Contra" ein: konkrete Beschreibungen und nüchterne Folgerungen, nur gelegentlich mit koketter Eigenreklame angereichert.

Doch sie, die Praktiker der Transparenz, sind die Verschaukelten in diesem Unternehmen. Sie werden flankiert, eingesegnet, verhohnepipelt durch einige Aufsätze, die verständlich machen, warum "Glashaus" die Luft ausging und das "Nachspiel" halbherzig und steril bleiben wird.

Die Harmloseren malen betulich oder feierlichnichtssagend eine heile Fernsehwelt mit der Tendenz: man müßte, sollte, könnte vielleicht – aber besser nicht. Larmoyant wird auf die seit eh und je praktizierte Transparenz verwiesen: auf Anrufe und Zuschriften, Führungen und Jahrbücher, auf Infratest, die Kritik und den "Kummerkasten, in den sich auch ruhig mal ein Lob verirren darf".

Neben hohen und hehren Worten stehen unverhohlener Spott und Zynismus. Die "Beteiligungsapostel" und "Selbstdarstellungsfetischisten" werden als "priesterlich", als "medienbesessene Oberlehrerkaste" denunziert, ihr "Glaubwürdigkeitsexzeß", ihre "Posen der Selbstbespiegelung", ihre "Sendungsmonstren" werden lächerlich gemacht.

Unübertroffen ist die Argumentation Dieter Göbels vom Südwestfunk: Einige Redakteure sind eben von der "Produktionsroutine" frustriert, sie "kommen schwer zu ihren Erfolgserlebnissen" und zelebrieren deshalb ihre "Gewissenerforschung" öffentlich; die "Medienkunde" fungiert dabei als "Psychotherapie des Fernsehens", und "ein Hofstaat von Soziologen, Kritikern und Medienexperten ist dankbar für die Beschäftigung". Die politische Richtung ist klar: linke Nestbeschmutzung ("Selbstzerfleischung ist das Gebot dieser medienkritischen Stunde, die Linke schlägt die Rechte"). Und das Publikum ist eh blöd und "spielt auch da mit". Dabei wäre der Aufwand gar nicht nötig: "Was das Publikum schätzt, wissen wir dank Infratam und Infratest seit Jahren sehr genau." Auch die Demokratisierung ist längst realisiert, schließlich sind "etablierte Vertreter der Öffentlichkeit als demokratische Kontrolleure des Programms" tätig. Aber laßt die Deppen nur ihr "Agitationsstück" spielen – "dahin, wo es heikel und wirklich interessant wird, reicht die Transparenz sowieso nicht". Ein früherer Fernseh-Chefredakteur und jetziger Hörfunk-Direktor muß das ja wissen.

Bunker, nicht Glashaus

Sicher war vieles an der Feedback-Diskussion und an den entsprechenden Programmodellen Krampf, wurde vieles durch Angst, Eitelkeit, Egoismus abgeblockt. Von Redaktionsstatuten, der Rolle der Parteien und Aufsichtsgremien, von Etatfragen und internen Hierarchien ist denn auch kaum die Rede.

Wozu auch. "Intendantenentscheidungen fallen nach wie vor wie Konzilsbeschlüsse", und die Feedback-Sendungen "dienen lediglich als Alibi dafür, wie fortschrittlich und selbstkritisch man doch sei". Außerdem lehnten die Intendanten in diesem Jahr "jede Kritik an noch ‚nicht gesendeten‘ Beiträgen ab – folglich auch jede Kritik an der Planung und Vorbereitung von Programmen".

Solche Sätze stehen in einem Beitrag des WDR-Redakteurs Klaus Bresser, der, mit flauen Begründungen, nicht in die ARD-Broschüre aufgenommen wurde. Wer im Glashaus sitzt... Und wer Demokratie und Transparenz gar nicht will, sollte gleich nein statt auf so fragwürdige und verlogene Weise jein sagen. Wolf Donner