Von Wolfram Siebeck

Zu den wundervollen Dingen, die modernes Design im Verein mit modernem Lebensgefühl hervorgebracht hat, gehört der Schreibtischsessel. Abgesehen von Blitzgeräten und Schlagbohrern gibt es keinen wichtigen Gebrauchsgegenstand, der so häufig in ganzseitigen Anzeigen der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Er ist repräsentativ, elegant, verstellbar und, natürlich, körpergerecht und bequem. Daß er so teuer ist wie ein gebrauchter Volkswagen, erfährt man allerdings erst im Laden.

Schreibtischsessel werden gebraucht, wo man modern ist, etwas leistet und Erfolg hat. Nach meiner Erfahrung brauchen ihn außerdem Leute, die täglich viele Stunden am Schreibtisch sitzen. Also Leute wie Berthold Beitz und Ihr ergebener W. Siebeck. Dieser wanderte dann auch eines Tages durch die einschlägigen Geschäfte und fand schon im neunten, was er suchte. Nach acht Wochen Lieferzeit durfte ich mir den Sessel abholen.

Jetzt steht er da, wo er hingehört–ein Prachtstück! Er sieht gut aus, ist modern, repräsentativ, elegant, dreh-, kipp-, rollbar und so weiter. Außerdem trägt er einen renommierten Namen, der beim Kenner modernen Möbeldesigns seit vielen Jahren einen guten Klang hat. Ich setze mich. Während ich eine Zahlungsanweisung über eine ziemlich hohe Summe an ein Möbelhaus ausfülle und mich darüber freue, daß es nicht mehr quietscht, wenn ich mich bewege, spüre ich plötzlich, daß ich sitze. In dem quietschenden Vorgänger hatte ich nie etwas gespürt. Hunger und Durst vielleicht. Den Druck, den die bestehenden Verhältnisse auf mich ausüben, gewiß. Aber nicht diesen Druck an den Schultern. Und eine halbe Stunde später drückt’s auch im Kreuz. Nach weiteren 30 Minuten habe ich das Bedürfnis, neben dem Sessel Gymnastik zu treiben und danach das Kriminalmuseum anzurufen: Ich habe einen Folterstuhl gekauft!

Am nächsten Tag besorge ich mir eine Rückenstütze. Das ist ein Autozubehör aus jenen Tagen, als Autositze manchmal nicht körpergerecht konstruiert waren. Nun sieht mein schöner, eleganter Schreibtischsessel allerdings nicht mehr aus, als entstamme er einem renommierten Hause. Auch fehlen mir vor der Schreibmaschine die schnellgefahrenen Kurven, die eine Rückenstütze erst zur Geltung bringen. Da versuche ich es mit einem Kissen.

Wenn man bedenkt, daß unsere Vorfahren noch vor wenigen Jahrhunderten aufrecht sitzend im Bett schliefen, so kann ein Kissen im Rücken eigentlich nicht schaden. Leider nützt es auch nichts. Ob ich darin schreibe, Zeitung lese oder gar nichts tue – der Sessel erinnert mich daran, daß der Mensch zum Leiden geboren ist.

Mir nahestehende Personen bemerken eine Veränderung meiner bekannt aufrechten Haltung. Wer früher meinen stolzen Gang bewunderte, bemitleidet mich nun ich krumm und lahm durch die Straßen schleiche. Mein Anblick erinnert Passanten an den Witz von dem Mann, der sich seinen Anzug immer wieder ändern ließ, bis sich die Leute auf der Straße nach ihm umdrehten und den Schneider des mißgestalteten Mannes bewunderten. Jetzt denken die Passanten so ähnlich über mich: "Seht den armen Krüppel dort! Muß der einen phantastischen Schreibtischsessel haben!"

Hat er auch: ein Prachtstück aus der Herman Miller Collection.