Von Hermann Bößenecker

Noch nie ist es den Aktionärender Bayeririschen Motoren-Werke in München so gutgegangen wie heute: Sie erhalten für 1972 nicht nur eine erhöhte Dividende, sondern dazu Gratisaktien, und in Kürze steht ihnen ein sehr günstiges Bezugsrecht ins Haus. Das Unternehmen hat ein exzellentes Jahr hinter sich. So ließen es die Kleinaktionäre in der diesjährigen Hauptversammlung auch nicht an Lob für den Vorstand fehlen.

Dafür übten einzelne Aktionärssprecher um so härter Kritik an Großaktionär Herbert Quandt – an dem Mann, ohne dessen risikoreiches Einstehen für BMW der beispiellose Aufschwung nicht geglückt wäre. Deshalb mag es auf den ersten Blick widersinnig und ungerecht erscheinen, daß die Kleinen immer noch fürchten, von dem Großen "verschaukelt" zu werden, daß sie ihm "stures und egoistisches Verhalten" vorwerfen und ihrem "Mißtrauen" und "Unbehagen" laut Ausdruck verleihen.

Seit elf Jahren reagieren die Kleinaktionäre immer wieder allergisch, weil Quandt sich weigert, exakt die Quote seiner Beteiligung zu nennen, weil er sich scheut, einen Sitz im Aufsichtsrat einzunehmen und statt dessen als Vorsitzender eines durchaus überflüssigen Beirats "in das Unternehmen hineinregiert".

Nach wie vor bleibt es bei dem stereotypen Satz im BMW-Geschäftsbericht: "Herr Dr. Herbert Quandt hat uns vorsorglich mitgeteilt, daß er mehr als den vierten Teil unserer Aktien besitzt." "Vorsorglich" geschah die Meldung Quandts deshalb, weil nach Ansicht seiner Juristen nicht zweifelsfrei feststeht, ob Quandt persönlich als "Unternehmen" im Sinne von Paragraph 2, Absatz 1, des Aktiengesetzes gilt.

Niemand zweifelt daran, daß die 25 Prozent längst erheblich überschritten sind. Ein Frankfurter Notar, offensichtlich ein Sachwalter des Großaktionärs, hat in der letzten Hauptversammlung allein 44,5 Prozent des BMW-Kapitals vertreten. Daß darüber hinaus die Quandt-Gruppe, Herbert und sonstige Familienangehörige, schon mehr als die Majorität hält, ist offensichtlich und wird im Hause Quandt auch nicht bestritten.

Doch stehen die Unternehmensstrategen im Günther-Quandt-Haus in Bad Homburg von der Höh auf dem Standpunkt, daß es keine Quandt-"Gruppe" im konzernrechtlichen Sinne gebe, sondern daß man es mit einer "Familienanhäufung" (Eberhard von Heusinger) zu tun habe – bestenfalls auch mit einer Anhäufung von Unternehmen, für die jedoch entschieden die "einheitliche Leitung" bestritten wird.