Von Walter Hinderer

Ob es sich um freundliche, traurige oder böse Gedichte, um kritische Analysen von Tageszeitungen oder Zeitschriften, um politische Kolportagen oder literarische Polemiken handelte – mit geradezu nachtwandlerischer Sicherheit traf der vielgereiste und polyglotte Hans Magnus Enzensberger meist einen Nerv der Zeit.

Mit seiner "landessprache" wies er den ins Innere versponnenen Naturmagiern genau zur rechten Stunde den lyrischen Weg ins bundesrepublikanisch-wirtschaftswunderliche Äußere, im "Museum der modernen Poesie" stellte er die internationalen lyrischen Techniken vor, mit "Allerleirauh" brachte er marktkundig "viele schöne Kinderreime" in Umlauf, in den gesammelten Essays "Einzelheiten" untersuchte er Bewußtseinsindustrie, Tourismus, die Aporien der Avantgarde, den Zusammenhang von Poesie und Politik und machte wie gewohnt Schule. Er informierte über die Dritte Welt, gründete zur politischen Alphabetisierung Deutschlands die Zeitschrift "Kursbuch", ließ hier fröhlich den Tod der Literatur ausrufen, um später in einer Blütenlese eigener Gedichte ihrer Auferstehung zu frönen.

Trotz einem so ausgeprägten Sinn für alles, was "zieht und hinhaut", wie es schon in einem der Gedichte heißt, schreibt Enzensberger auch immer wieder ebenso widerborstig wie erfolgreich gegen den Strom. Wenn ihn die Kritik gerade einmal gefaßt zu haben glaubt, ist er ihr schon wieder einige Schritte voraus geeilt; versucht ihn eine politische Richtung für sich zu reklamieren, so hat er seinen alten Standpunkt schon kritisch überholt und hinter sich gelassen. Eben noch analysierte er die Gefahren der Massenmedien, da entdeckt er schon ihre emanzipativen Möglichkeiten; eben noch häufte er panegyrisch Lorbeer auf Castro und Cuba, da liest er schon dem romantischen "Revolutions-Tourismus" die Leviten. Wispert es allerorts mit Marx- und Engelszungen, so bietet er statt schönem Kult und hehren Legenden harte Widersprüche und Realien.

Es handelt sich um die eben erschienenen

"Gespräche mit Marx und Engels", herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, mit einem Personen-, Elogen- und Injurienregister sowie einem Quellenverzeichnis; Insel Verlag, Frankfurt; Taschenbuchausgabe it 19/20, 2 Bde., zus. 764 S., je 8,– DM, Ln. 1 Bd., 771 S., 40,– DM.

Aus zahlreichen Briefen, Memoiren, Autobiographien, Reportagen, Spitzel- und Polizeiberichten, Protokollen hat Enzensberger relevante Äußerungen von Zeitgenossen über Marx und Engels zusammengetragen und damit eine Art Lesebuch der Personenwirkung zweier Genies geschaffen, bei dem man allerdings die Urteile von Marx’ Eltern vermißt; das erscheint um so unverständlicher, als die Auswahl einerseits immerhin mit einem Kommentar von Vater Engels über seinen Sohn beginnt und andererseits der Vaterkonflikt bekanntlich zum zentralen persönlichen Erlebnis des jungen Marx gehört.