Von Ulrich Kaiser

Prag, die Hetz-Insel in der Moldau, der darüber führende Viadukt mit schnaufenden, dampfenden Güterzuglokomotiven – darunter fast das inzwischen über fünfzig Jahre alte Tennisstadion mit Zuschauern, die mit ihrem frenetischen Beifall ihre Lieblinge förmlich zum Sieg treiben können. Wer hier siegen will – so sagen die Alten –, muß mehr besitzen als nur die Fähigkeit, einen filzigen Ball mittels eines Schlägers dorthin zu befördern, wo ihn der Gegner nicht mehr erreicht. Der Star von Prag heißt im Moment Jan Kodes – ein unauffälliger, stiller Familienvater mit grauer Jacke, grauer Hose, grauen Schuhen und grauen Socken. Der graue Jan Kodes ist der Sieger von Wimbledon 1973. Am vergangenen Wochenende war er maßgeblich daran beteiligt, daß die ČSSR in eben jenem altmodischen Stadion, in dem der rieselnde Kuß der vorüberkriechenden Eisenbahn ebenfalls graue Töne entstehen läßt, die bundesdeutsche Tennismannschaft aus dem Davispokal-Wettbewerb warf. "Wissen Sie", so sagt Kodes, "die jungen deutschen Spieler sind schon sehr gut, aber sie könnten noch besser sein, wenn sie ein bißchen mehr Geduld hätten. Man muß beim Tennis nicht immer nur so verrückte Schläge machen. Man muß manchmal warten können, bis der andere einen Fehler macht. Das zählt genausoviel." Kodes ist natürlich ein viel zu guter Tennisspieler, um nur ein wartender zu sein. Seine Rede klingt nach Schwejk. Nein, besser: nach Dr. Schwejk.

Die jungen deutschen Spieler, von denen er sprach, sind eine merkwürdige Mischung aus der vergangenen Generation dieses Sports mit all ihren Noblessen und jenen jungen Leuten, deren Selbstbewußtsein einem manchmal auf die Nerven gehen kann. Der Münchner Karl Meiler, der Wahrscheinlich begabteste, ist ein junger Mann mit verrückten Einfällen, mit Schlägen, wie sie die Großen der Tenniswelt produzieren, von denen er schon viele bezwang – dann aber zeitweise ein zagender Zauderer, dem man in den verlängerten Part des Rückens treten möchte: "Kerl, du bist doch gut, nun gewinne doch endlich." Der Bonner Jürgen Faßbender schöpft seine Begabung meistens voll aus, ein selbstbewußter Athlet, solider als der andere, beständiger, dafür vielleicht seltener zu solchen Höhenflügen fähig. Der dritte in diesem Bunde ist nicht nur selbstbewußt, sondern gar frech: Zusammen mit Faßbender bildet der blonde Strubbeikopf Hans-Jürgen Pohmann eines der besten Doppelpaare der Welt. Als die Zuschauer in Prag versuchten, ihre Landsleute mit nervtötendem rhythmischen Händeklatschen aufzurichten, ging er in die Mitte des Platzes, winkte dankend in die Ränge, das Ganze für sich als Beifall kassierend.

Ein Davispokal-Spiel ist vorher und oft noch nachher mit tausend taktischen Erwägungen verbunden. In Prag sah das so aus, daß die Deutschen damit rechneten, ihre beiden Einzel gegen Jan Kodes zu verlieren. Siege im Doppel und in den beiden anderen Einzeln gegen den zweiten Tschechoslowaken Jiri Hrebec sollten aber zuletzt für einen knappen 3:2-Gesamterfolg sorgen. Die Rechnung ging daneben, und zwar paradoxerweise, weil einer der deutschen Spieler in den letzten zehn Monaten zu erfolgreich war. Jürgen Faßbender hatte seit Oktober vergangenen Jahres praktisch ohne Pause hintereinander an allen größeren (was bedeutet: finanziell lohnenden) Turnieren in der Welt teilgenommen. Ausgerechnet in Prag, wo er nicht für eigene Rechnung, sondern zu Ehren seines Verbandes gewinnen sollte, geschah etwas, was Menschen im Dauerstreß zuletzt irgendwann immer erleben: Faßbender war verschlissen, körperlich und wohl auch seelisch außer Form, er verlor unprogrammgemäß gegen den Debütanten Hrebec und damit die gesamte Begegnung.

Vernünftigerweise, wenn auch etwas spät, verschrieb der Deutsche Tennisbund seinem Jungstar nun eine vierzehntägige Wettkampfpause. Dieses ist allerdings nur eine der fürsorglichen Maßnahmen, die man sich ausdachte, um dieses vielversprechende Team noch möglichst lange zu erhalten. Der Tennissport, der in den letzten Jahren wie kein anderer kommerzialisiert wurde, kann seine Koryphäen längst nicht mehr nur mit schönen Ferien bei der Stange halten. Es bedarf dazu auch möglichst harter Währung.

Aus den USA locken verschiedene Profigruppen mit klingenden Offerten, die allerdings auch vorschreiben, daß man praktisch den ganzen europäischen Sommer dort drüben verbringt und für nationale Belange nicht vorhanden ist. Ein Offizieller sagte in Prag, daß man sich vorkäme wie eine Firma, die junge Leute ausbildet, um dann die schmerzliche Erfahrung zu machen, daß diese zur Konkurrenz gehen. Um nun diesem mißlichen Umstand zu begegnen, soll der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden: Der Tennisbund erwägt, eine eigene Turnierreihe nach professionellen Gesichtspunkten aufzuziehen, man wird Sponsoren suchen, eventuell andere europäische Länder interessieren. Diese Rettung des Tennisabendlandes müßte aber recht schnell vonstatten gehen. Faßbender und Meiler brauchen Verträge nur zu unterzeichnen. Wobei sie sich aber darüber im klaren sein müssen, daß Streßerscheinungen wie in Prag dann auf dem Konto spürbar werden.