Von Andreas Kohlschütter

Alles, was jetzt vorgeht, kann nur durch die Feigheit eines Regimes erklärt werden, das eine Gefahr in der Verbreitung jedweder Gedanken und Ideen sieht, die seiner bürokratischen Spitze fremd sind. Mir scheint, die Hauptaufgabe meines Landes besteht heute darin, die Bürde einer schweren Vergangenheit abzuwerfen. Dazu ist vor allem Kritik, nicht Glorifizierung nötig. Ich glaube, daß ich ein besserer Patriot bin als diejenigen, die laut ihre Liebe zu ihrem Vaterland proklamieren, aber die Liebe zu ihren Privilegien meinen."

Diese trotzigen Schlußworte schleuderte der junge Historiker Andrej Alexejewitsch Amalrik im November 1970 einem Strafgericht in Swerdlowsk entgegen, das ihm wegen "Verbreitung falscher Angaben, die dem sowjetischen Staat und der Gesellschaftsordnung abträglich sind", zu drei Jahren Arbeitslager unter erschwerten Bedingungen verurteilt hatte. Er wisse, so gab Amalrik damals zu Protokoll, "daß solche Prozesse viele in Schrecken versetzen sollen, und viele werden erschreckt sein". Ihm selber jedoch könne die vom Regime inszenierte Hexenjagd "weder Respekt noch Angst" einflößen.

Ende Mai dieses Jahres war Amalriks Haftzeit abgelaufen. Er hat sie trotz einer schweren Hirnhautentzündung, die er sich bei der Überführung in das berüchtigte sibirische Todeslager Kolyma holte, lebend, ohne Widerruf und nachträgliches Schuldbekenntnis überstanden. Das war wohl der wahre Grund, warum jetzt dem 35jährigen Intellektuellen noch vor seiner Freilassung in der Abgeschiedenheit der Fernostprovinz Magadan erneut der Prozeß gemacht wurde.

Wieder ist Amalrik wegen angeblicher Verleumdung des Sowjetstaates – begangen hinter Stacheldraht – auf drei Jahre ins Lager geschickt worden. Wieder bekommt er das zu spüren, was der sowjetische Menschenrechtler und Atomphysiker Sacharow in einem offenen Protest eine "schreiende Ungerechtigkeit" und einen "unzulässigen Anschlag auf die intellektuelle Freiheit" nannte – was der sowjetische Parteichef Breschnjew dagegen als legitime "gesellschaftliche Verachtung" bezeichnet, die jeder Literat verdiene, "der die sowjetische Wirklichkeit verunglimpft". Weiter geht so für Amalrik das zermürbende Lagerleben. Wieder beginnt die Sanduhr von vorn zu laufen, 1096 Tage und Nächte lang, in denen er endlich physisch und psychisch gebrochen werden soll.

Innerhalb der sowjetischen Dissidenzbewegung ist Amalrik immer ein Einzelgänger gewesen. Er hat sich nie gescheut, das Regime direkt herauszufordern. Aus seiner kompromißlos kritischen Einstellung machte er nie ein Hehl und versuchte nicht, wie viele andere, die oppositionellen Angriffskeile seiner Rede und Schreibe zwischen den Zeilen oder in Zwischentönen zu verstecken. Hemmungslos pflegte er Kontakt mit westlichen Journalisten und Verlegern. Unerschrocken und hartnäckig bestand er auf seinem Recht, den enthüllenden Detailbericht über seine erste Verbannung in den Jahren 1965/66 ("Unfreiwillige Reise nach Sibirien") ebenso wie seinen sensationellen Polit-Essay "Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?" im Westen zu veröffentlichen.

Aber an politischen Demonstrationen zusammen mit anderen Dissidenten hat sich Amalrik nie beteiligt. Seine Begründung: Er wolle "immer selbst meine menschliche Würde und das Recht verteidigen, frei zu sein". Von den vielen im Untergrund zirkulierenden Protestdokumenten und Bittschreiben hat er keines unterzeichnet. Jeder einzelne müsse sich zuerst selbst befreien und "die Bedeutsamkeit der eigenen Persönlichkeit" spüren, "weil ein Kampf für gemeinsame Interessen von Menschen mit einer Sklavenpsychologie nur zur gemeinsamen Sklaverei führt".