Die Tartan-Helden waren müde

Von Adolf Metzner

Nach dem zweiten Tag der dreiundsiebzigsten Deutschen Meisterschaften in der Leichtathletik waren sich die Experten einig: Ein neuer Rekord an Langeweile sei aufgestellt worden. Von Dramaturgie und Dramatik weit und breit keine Spur. Aber auch das so spärlich wie noch nie erschienene Publikum begann zu gähnen. Ein Regisseur vom II. Fernsehen, der Leichtathletik zugetan, klagte bitter: "Wenn die so weitermachen, sind sie bald weg vom Fenster."

Nun sind ja zum Glück die Tätigkeiten der leichten Athleten, die allerdings 280 Pfund wiegen können, doch recht "telegen", und die Fernsehkameras vermögen auch die technischen Übungen, die sich im Stadion ja an der Peripherie abspielen, ganz nahe vors Auge zu rücken. Außerdem kann die Zeitlupe, pardon die "slow motion", den Bewegungsablauf derart verlangsamen, daß seine Ästhetik voll zur Geltung kommt. So schnell wird also die olympischste aller Sportarten nicht vom Fernsehfenster verschwinden.

Woran lag es aber, daß der Pfeffer fehlte und keine echte Stimmung im Berliner Olympiastadion aufkam? Einmal an den widrigen äußeren Bedingungen. Ein böiger Wind pfiff durch die Lücke, die Architekt March einst im Oval gelassen hatte, um das olympische Feuer möglichst wirkungsvoll zu placieren. (In München wurde die Schale für diesen mythisch-mystischen Feuerkult mit Recht etwas an die Seite gerückt.) Der Gegenwind im Stadion behinderte die Läufer ab 400 m viel mehr, als sie der Rückenwind begünstigte. Dann war das taktische Laufen auf Sieg schuld an mancher schwachen Leistung, besonders in den Mittel- und Langstrecken. Doppelsieger Wellmann kann viel mehr, als seine mäßigen Zeiten von 1:50,15 Min. über 800 m und 3:42,6 Min. über 1500 in besagen.

Schließlich ist im Berliner Stadion keine elektrische Anzeigetafel vorhanden, und der Lautsprechen war von einem Teil der Zuschauer kaum oder gar nicht zu verstehen. Wie soll da "Atmosphäre" herrschen? Ob dabei die für die Fußballweltmeisterschaft eingebauten Tribünendächer eine Rolle spielen, wird zu klären sein. Diese verschandeln jedenfalls das Stadion, das als pure Arena konzipiert ist, in grandioser Weise. Führt man auch alle Entschuldigungsgründe auf, so bleibt doch die betrübliche Feststellung, daß die bundesdeutsche Leichtathletik, und dies nach den Glanztaten im vorigen Jahr in München, allmählich ins Mittelmaß abrutscht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen fehlen die Nachwuchstalente. Beim Länderkampf der Junioren gegen die USA wurde unsere Mannschaft geradezu gedemütigt, sie war nicht eine, sondern zwei Klassen schlechter. Natürlich liegt das auch etwas, an den verschiedenen Systemen. Die High School in den USA ist eine Brutstätte Die Athleten, ganz im Gegensatz zu unseren höheren Schulen.

Bei allen solchen Bewertungen sind aber die großartigen Leistungen der DDR-Leichtathleten immer mit im Spiel. Ein Vergleich der Ergebnisse von Berlin mit jenen der DDR-Titelkämpfe in Dresden verschlägt einem fast die Sprache. Wurde in Sachsen auch mit der Hand gestoppt, in Berlin aber elektronisch, so sind die Leistungsunterschiede doch derart eklatant, daß man für die bundesrepublikanische Leichtathletik nur düstere Prognosen stellen kann.

Von unseren Sprinterinnen wäre in Dresden kaum eine ins Finale gekommen. Und bei den 100-m-Sprints herrschte in Berlin ja Rückenwind. Die neuen Weltrekorde von Renate Stecher mit 10,8 Sek. über 100 m und 22,1 Sek. über 200 m liegen für unsere Mädchen in unerreichbarer Ferne.

Die Tartan-Helden waren müde

Nun wird ja gemunkelt, die DDR-Athleten würden vor großen Rennen eine Woche lang in "klinische Behandlung" genommen und dürften während dieser Zeit nicht trainieren. Aber wir machen es uns zu einfach, wenn wir das Sportwunder der DDR – man denke auch an die Schwimmerinnen und Ruderer – allein mit Manipulation erklären wollten. Sicher spielt es eine wichtige Rolle, daß unsere Jugend, sich selbst überlassen, Anstrengungen und Strapazen scheut und immer mehr in utopische Wunschträume flieht.

Auch die Helden von München waren in Berlin etwas müde. Kannenberg mußte im 20-km-Gehen aufgeben. Heide Rosendahl, mit wenig Zeit fürs Training, ließ ihre einstige Konzentration und "Explosion" beim Weitsprung vermissen. Mit schwächen 6,25 m wurde sie Zweite. Der wohlverdiente Rudi-Harbig-Preis gab dieser großen Athletin dann doch noch einen Galaabschied. Klaus Wolfermann siegte sicher, war aber mit seinen 82,62 m nicht zufrieden. Bei der Qualifikation hatte er noch runde 4 m weiter geworfen. Der Olympiasieger haderte nicht mit dem Wind, der ja bei seinem Weltrekord in Gestalt einer himmlischen Bö seinen Speer noch einige Meter weiter getragen hatte. Hildegard Falck gewann, beherrscht und sicher, die 800 m nach Belieben. Trotz der mäßigen Zeit ist sie in ebenso guter Form wie vor einem Jahr in München. Und dann Ulrike Meyfahrt, das Glückskind mit den langen Beinen. 1,83 m genügten zum Sieg. Hier muß man bedenken, daß dies ihre Normalform ist und sie beim Olympia in München offenbar einen Schutzengel engagiert hatte, der sie noch 9 cm höher emporhob.

Die schweren Männer der leichten Athletik, wie Reichenbach mit DLV-Rekord von 20,51 m im Kugelstoßen, Riehm, der den Hammer 73,98 m weit warf, und Hennig, der mit dem Diskus auf 63,06 m kam, zogen sich noch am besten aus der Affäre.

Zu sprechen wäre noch von Honz, der nun gelernt hat, wie man 400 m laufen muß und ein Mann von absoluter Weltklasse ist. Schlöke, der zähe Kämpfen hatte keine Chance gegen ihn. Dann Kemper, der wie immer taktisch wie ein Anfänger lief und deshalb die 800 m verlor, und von Norpoth, der deshalb Deutscher Meister im 5000-m-Lauf wurde und in der Form seines Lebens zu sein scheint. Ob der "Knochengott" die Gunst der scheint. zu nutzen versteht? Sein früherer Betreuer Dr. van nutzen schrieb mir einmal: "Er ist nur zu ängstlich, sonst hätte er längst den Weltrekord." Wenn er jetzt wirklich zurücktritt, begeht er den größten Fehler seiner Laufbahn. Weltklasse ist trotz seiner nicht gerade überragenden 7,83 m im Weitsprung auch noch Silbermedaillengewinner Baumgartner, der nicht ein einziges Mal den Balken traf.