Die richtigen, die typischen Opernfreunde sind reviergebundene, aber veränderungsgewohnte Tiere. Das heißt, ein echter Opernenthusiast lebt nach wie vor im Revier zwischen Mozart und Strauss; Übertritte zu Monteverdi oder Alban Betg sind die Ausnahme. Die Anpassung an Veränderungen bedeutet, daß man sich Regieauffassungen aller Art durchaus gefallen läßt, wenn nur gut gesungen wird. So klatschte man einst in Bayreuth nach Wieland Wagners Abstraktionswagnissen eine halbe Stunde. Aber in München gab es bei weitaus traditionelleren Wagner-Aufführungen auch 30 Minuten Jubel. Und wenn Karajan in Salzburg wieder alles ganz anders macht, dann dauert der Beifall mindestens zweimal 15 Minuten. Die Differenzierungen stehen dafür am nächsten Tag inder Zeitung.

Soll man sich mit kulturkritisch hochgezogenen Augenbrauen darüber ärgern? Oder ist es nicht vielmehr selbstverständlich, daß bei den Münchner Festspielen der "Don Giovanni" und der "Rosenkavalier" rascher ausverkauft sind als Debussys "Peléas und Mélisande" oder Reimanns "Melusine"? Wenn irgendwo ein wahrhaft sensationeller Don-Giovanni-Sänger (und -Darsteller!) zu bestaunen ist, dann: wird man sich halt doch über alles andere hinweg für Mozarts Meisterwerk interessieren. Genauso wenig verwundert es, daß die Opernfreunde sich um Billette reißen, wenn Carlos Kleiber den "Rosenkavalier" festspielhalber dirigiert. Schließlich ist Carlos Kleiber, neben Claudio Abbado, der faszinierendste Dirigent seiner Generation.

Also: ein fest umrissener Kreis von Werken, eine überschaubare (den Opernfreunden wohlbekannte) Gruppe von Interpreten, Sängern und Dirigenten: das sind Festspiel-Prioritäten. Wenn am Vorrang dieser Prioritäten nicht gerüttelt wird – Günther Rennert, der Münchner Staats-Intendant, hütet sich, daran zu rütteln; er setzt nur eben ganz bewußt neben die attraktiven Hauptsachen einige nicht ganz so attraktive "Wagnisse", die er für wichtig hält –, dann haben Opern-Festspiele hier und heute Erfolg.

Salzburg war, was die Sommerfestspiele betraf, identisch mit Mozart, Bayreuth natürlich mit Wagner und München folglich mit Richard Strauss. Obwohl auch im Jahr 1973 mehrere Strauss-Opern auf dem Münchner Festspiel-Programm stehen, trittStrauss doch (in seiner Geburtsstadt!) mittlerweile ein wenig zurück. Denn es hat sich gezeigt – und es war eine, Frage der Zeit, bis es sich zeigte –, daß Richard Strauss’ Meisterwerke und erst recht seine Meister-Machwerke bei allem Charme und aller Kalkuliertheit der Gewalt Wagnerscher Tondramen oder der Inspiration Mozartscher Opern denn doch nicht vergleichbar sind. Richard Strauss hätte dies als erster zugegeben. Die Hochschätzung, die den Werken von Richard Strauss nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit entgegengebracht wurde, wirkt manchmal wie ein Wagner-Alibi. Wagner sei ihnen doch zu bombastisch, zu überladen, zu grell, sagten die halb politisch verlegenen Opernfreunde und eilten dann zu Richard Strauss etwa in die "Elektra" oder die "Salome", als ob die nicht noch viel bombastischer und greller wären ...

Bei den Münchner Festspielen des Jahres 1973 sah man, als Eröffnungsvorstellung, Mozarts "Don Giovanni". Außerdem stehen, die "Hochzeit des Figaro" und die "Entführung aus dem Serail" auf dem Programm. Richard Strauss ist immerhin mit dem "Rosenkavalier", "Elektra" und "Capriccio" vertreten. Daneben werden Wagners "Tannhäuser" und zum Abschluß, traditionsgemäß, die in München uraufgeführte "Meistersinger"-Oper gegeben. Demgegenüber spielen die beiden modernen Werke, nämlich Aribert Reimanns "Melusine" und Isang Yuns doch ein wenig kunstgewerbliche "Sim Tjong", eine eher statistenhafte und zugleich statistische Rolle: Auch "Zeitgenössisches" hat es gegeben, und auch diese Aufführungen waren gut besucht, wird man später nachlesen können.

Doch daß die von Günther Rennert sehr rational und gründlich durchdachte, Don Juans nachtdunkel-einsame Beziehung zum Tode akzentuierende "Don Giovanni"-Aufführung einfach einen unvergleichlich höheren Dringlichkeitsgrad hatte, das werden solche Statistiken kaum mitteilen können. Denn aus ihnen geht nicht hervor, wie leidenschaftlich die Aufführung, aber leider auch Wolf gang Sawallischs befremdlich glattes Dirigieren diskutiert wurden, mit was für einem Enthusiasmus man auf Ruggero Raimondis Don-Giovanni-Verkörperung reagierte. Während einer Festspielvorstellung brach das Nationaltheater fast zusammen, weil das Publikum erfolgreich nach einer Wiederholung der sogenannten "Champagner-Arie" verlangte. Und bereits bei der Premiere blickten die feingekleideten Damen sehr entflammt auf die Bühne und doch sehr enttäuscht zum gleichfalls beifallbereiten Ehemann: Sie alle mußten von nun an mit der Überzeugung weiterleben, eben doch bloß den Don Ottavio geheiratet zu haben. Ruggero Raimondi verkörpert den Don Giovanni als vitalen, stimmstarken, unwiderstehlichen, keineswegs so schrecklich! metaphysischen, sondern den Frauen eher sportiv nachjagenden Tunichtgut mit erstaunlichen Forte- und Kraftreserven am Schluß. Alles stimmte dramaturgisch, weil endlich einmal der Opernmittelpunkt stimmte.

Mit der "Melusine" von Aribert Reimann hatte München nicht soviel Glück. Ganz abgesehen davon, daß sich der Regisseur Helmut Käutner, der 1962 noch Alfred Andersch vorwarf, dieser hätte sich in einer Pressekonferenz feige von einer gemeinsamen Arbeit (dem Film "Die Rote") distanziert, diesmal seinerseits in einem unkollegialen Interview kritisch über die Oper äußerte, die er gerade zu inszenieren hatte; ganz abgesehen auch davon, daß diese Inszenierung ein wenig platt, bilderbuchhaft-realistisch ausfiel: Die Solisten schienen unter Ferdinand Leitners Stabführung eher darum bemüht, ihre komplizierte Rolle richtig "zu bringen", als sie zu einer operndramatischen Notwendigkeit zu machen. So bot die Interpretation durchaus das "Was", doch nicht hinreichend das "Warum".

Die Münchner Festspiele dauern noch an. Neben Raimondi wird auch Roger Soyer als Don Giovanni zu hören sein. Zwischen Fischer-Dieskau und Hermann Prey, Brigitte Fassbaender, Ingrid Bjoner, Edda Moser und Margaret Price fehlt auch kaum ein berühmter Solistenname. Und Jean-Pierre Ponnelle, der Debussys "Peleas und Mélisande"-Oper in der Originalsprache vorbereitet, soll, so heißt es, ein ebenso originelles wie kühnes Regiekonzept zu verwirklichen bemüht sein. Ob Wolfgang Sawallisch, der während der drei Münchner Festspiel-Wochen gut vierzehnmal am Dirigentenpult stehen und an einem freien Samstagabend auch noch Fischer-Dieskau begleiten wird, diesen Anforderungen physisch und psychisch gewachsen ist, ob es ihm gelingt, den nach eben erst erfolgreich abgeschlossener Japanreise ein wenig unzureichenden Anfangseindruck wieder auszugleichen? Anja Lersch