Durch Bayern braust ein Ruf wie Donnerhall. Schockiert, ja völlig verblüfft reagierte der Freistaat auf die Nachricht, daß seine Abiturienten bei der zentralen Vergabe der Studienplätze in den Fächern mit Numerus clausus – benachteiligt werden. Weil die bayerischen Zensuren besser ausfallen als in anderen Ländern, bekommen die Abiturienten aus dem Freistaat, damit sie dem Bundesdurchschnitt angeglichen werden, einen "Malus" von 0,2 Punkten auf ihr Zeugnis und damit selbst bei guten und sehr guten Noten mindere oder gar keine Chancen mehr, ein Numerus-clausus-Fach zu studieren.

Das Gegenteil, hatte Ministerpräsident Goppel erreichen wollen, als er im letzten Jahr den Staatsvertrag der Länder über den Numerus clausus unterzeichnete. Im festen Glauben an die hohe Qualität des bayerischen Abiturs und seine strengen Noten stimmte er ohne Zögern – und ohne seinen Kultusminister zu konsultieren – zu, als aus Nordrhein-Westfalen der Vorschlag kam, einen "Bundesnotendurchschnitt" zu errechnen, um damit das angebliche Nord-Süd-Gefälle der Abiturnoten auszugleichen. Nach Goppels Rechnung hätten die Bayern dadurch einen "Bonus" erhalten müssen. Doch offenbar bewerten die bayerischen Lehrer die Leistungen ihrer Schüler besser als gedacht. Nun ist die Entrüstung grenzenlos und Bayern kurz davor, seinen Austritt aus der Bundesrepublik zu erklären.

Tatsächlich hätte besser nicht demonstriert werden können, wie untauglich das Verfahren zur Verteilung der Studienplätze ist und wie illusionär inzwischen die Vorstellung, daß das Abitur noch die Berechtigung zum Besuch der Universität vermittelt. Das wird auch bei der nun wieder neu aufgeflammten Diskussion über das Zentralabitur deutlich: Ein Abitur, das in allen Ländern am gleichen Tag mit den gleichen Aufgaben abgenommen wird, setzt eine Übereinstimmung in den Lehrinhalten voraus, die in und zwischen den Ländern längst nicht mehr existiert und in so hohem Maße auch nie existiert hat.

Auf lange Sicht bleibt als einziger Ausweg aus dem Dilemma nur die Eingangsprüfung, die von den Hochschulen abgenommen wird. Doch bis dahin wird noch viel Zeit vergehen; die Hochschulen sind auf diese Aufgabe noch nicht vorbereitet. Auf kurze Sicht wird aus der bayerischen Tragikomödie wahrscheinlich der Bund als lachender Dritter hervorgehen. Nur wenn der Bund den Zugang zur Hochschule neu regeln würde, beispielsweise im Hochschulrahmengesetz, könnte Bayern noch geholfen werden. Denn trotz aller pompösen Anträge, mit denen Bayern das Verteilungsverfahren jetzt abändern will, hilft nichts darüber hinweg, daß der ominöse Staatsvertrag erst 1978 kündbar ist.

Ironie des Schicksals ist, daß Bayern seinerzeit an der Spitze jener Länder stand, die dem Bund jedes Mitspracherecht bei der Verteilung der Studienplätze mit dem Tenor verwehrten: Allein können wir’s besser. Nina Grunenberg