ARD, Montag, 23. Juli: "Zwischen Nobelpreis und Irrenhaus. Die Menschenrechtsbewegung in der Sowjetunion", von Ralph Giordano

Wer heute im Deutschen Fernsehen über den politischen Terror in der Sowjetunion berichten will, muß anscheinend zuerst ein Geständnis über seine wahren und lauteren Motive ablegen. Er muß sich einem Hearing unterziehen und um Verständnis für eine Sache bitten, die eigentlich ohne viel einführende Worte allgemein verständlich ist. Er muß ein geistiges Alibi für sein garstiges Tun vorlegen und sich zum voraus um Absolution für die Sünde publizistischer Wahrheitssuche und Wühlerei bemühen.

Genau das tat Ralph Giordano in dem Interviewprolog, der seinen Film einleitete. Er tat es mit guten Argumenten. Er wies auf die Pflicht des politischen Journalisten hin, allzeit offen zu bleiben, unabhängig vom jeweiligen Stand diplomatischer Beziehungen. Er plädierte für die Freiheit des Berichterstatters, sich ungeachtet aller eventuellen Offizialeinwände mit der Not von Menschen wann und wo auch immer zu befassen.

Warum aber bedarf ein Dokument über die Schattenseiten der sowjetischen Wirklichkeit, bevor sie sich auf dem Bildschirm enthüllen, überhaupt solcher Absichtserklärungen und exkulpierender Filter, die bei Berichten über Südvietnam und andere internationale dark spots nicht angelegt werden? Wird damit nicht eben doch in ungewöhnlichem Maße auf den gegenwärtigen Tauwetterstand der deutsch-sowjetischen Staatsbeziehungen Rücksicht genommen und der Staatsräson sowie Politmode eine Reverenz erwiesen, die der freie Journalismus nicht nötig hat?

Diese Ouvertüre war überflüssig und nicht frei von jener "geistigen Terrainpreisgabe" im Zeichen einer falsch verstandenen Ost- und Entspannungspolitik, vor der Heinrich Böll kürzlich gewarnt hat. Das Filmdokument dagegen war eine dringend notwendige Aussage über den unmenschlichen Zermürbungsprozeß, dem nicht systemkonforme Intelligenzler und Dissidenten im nachstalinistischen Sowjetimperium bis zu ihrer physischen und psychischen Vernichtung unterworfen werden. Es war dies ein Beitrag zur Entspannung, wie wir sie verstehen müssen, einer Entspannung, die nicht nur engagierte Bereitschaft zur Erschließung neuer West-Ost-Möglichkeiten, sondern auch nüchtern-klare Sicht für weiterdauernde West-Ost-Grenzen voraussetzt.

Andreas Kohlschütter