Amerikas größter Flugzeugbaukonzern registrierte das Ereignis mit verhaltener Freude: Das belgische Kabinett beschloß in der vergangenen Woche für die nationale Luftfahrtgesellschaft (Sabena) zehn Passagierjets vom Typ Boeing 737 zu kaufen. Die neuen Flugzeuge sollen die inzwischen veralteten Traditionsflugzeuge der ersten Generation (Caravelle) ersetzen.

Was den Amerikanern Freude bereitete, war für die Franzosen ein harter Schlag. Der große französische Flugzeugbauer Marcel Dassault stand bereits seit Jahren mit den Belgiern in Verhandlung und hoffte auf einige Bestellungen für seinen Mittelstrecken-Jet Mercure. Und die Franzosen hatten alle Register gezogen, um die Nachbarn zum Kauf ihrer neuen Kreation zu verführen.

Der belgischen Wirtschaft sollte der Kauf mit Aufträgen im Wert mehrerer Milliarden belgischer Francs honoriert werden. Die Verkäufer bei Boeing sahen die Gefahr und boten ihrerseits die Teilnahme an der Entwicklung eines neuen Langstreckenflugzeugs an. Am Ende entschied die Wirtschaftlichkeitsrechnung: Die neuen Boeings sind im Unterhalt und in der Anschaffung ruid 20 Prozent billiger als das französische Konkurrenzmodell. Besonders schmerzhaft ist die Entscheidung für Dassault vor allem deshalb, weil sich damit immer noch kein ausländischer Kunde für die Mercure gefunden hat. Allein die auf den innerfranzösischen Linien fliegende "Air Inter" hat zehn Mercures geordert.

Doch allzusehr wollten sich die enttäuschten Franzosen ihren Schmerz nicht anmerken lassen. Sie erklärten, ein Opfer der Dollarabwertung geworden zu sein.

Überzeugend ist dieses Argument allerdings nicht. Schon vor der belgischen Flugzeugwahl kriselte es in der französischen Flugzeugindustrie. So haben bis jetzt die beiden publikumswirksamsten Flugzeuge, die überschallschnelle Concorde und die Mini-Jumbo Airbus keineswegs die in sie gesetzten Verkaufshoffnungen erfüllt.

Von der Concorde wurden bisher nur neun und vom Airbus 24 Exemplare bestellt. Doch allein um die Entwicklungskosten wieder in die Kasse zu bekommen, müßten mindestens 300 Stück von beiden Modellreihen einen Käufer finden. Nicht nur bei den Zivilflugzeugen sieht die Verkaufsbilanz ziemlich trübe aus. Auch die Militärmaschinen lassen sich in der letzten Zeit nicht mehr so gut verkaufen wie in der Vergangenheit. So buchte Marcel Dassault zum Beispiel seit einem Jahr keine Bestellung mehr für die Mirage,

Diese Zeichen sind alles andere als ermutigend. Immerhin sind in der französischen Luftfahrtindustrie rund 110 000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Im vergangenen Jahr machten sie noch knapp neun Milliarden Francs Umsatz, allerdings bei sinkendem Exportanteil, der knapp vier Milliarden Francs ausmachte.

Marcel Dassault hat dem staatlichen französischen Flugzeugkonzern Snias in den vergangenen Wochen die Zusammenarbeit angeboten. Er hoffte, auf diese Weise einen neuen Partner für das risikoreiche Zivilgeschäft zu finden. Doch Snias-Boß Henri Ziegler winkte ab, er glaubt auch ohne Dassault reüssieren zu können. Tatsächlich kann er Erfolg vermelden: Vor zwei Wochen bestellte eine amerikanische Gesellschaft 70 Exemplare des neuentwickelten Minijets Corvette mit einem Auftragswert von 200 Millionen Dollar. kde