Der hessische Ministerpräsident Albert Osswald ist Berufspolitiker von der Pike auf. Wie allen Politikern dieser Art, für die der Erfolg zählt und sonst wenig, ist auch Albert Osswald kaum etwas unangenehmer als Verdruß, der Wählerstimmen kosten könnte. Doch eben das ist das Problem mit der Politik seines Kultusministers Ludwig von Friedeburg.

Unter normalen Umständen hätte sich ein Mann wie Osswald von einem Minister, dessen Politik dauernd im Kreuzfeuer der Kritik steht, schon lange getrennt. Doch der Wiesbadener Regierungschef ließ den Kultusminister nicht gehen, auch dann nicht, als Friedeburg, durch Widerstand an allen Ecken und Enden zermürbt, im Frühjahr selber Rücktrittsabsichten erkennen ließ. Osswald wird Ludwig von Friedeburg auch jetzt nicht gehen lassen, obwohl das Krisenbarometer wieder einmal Höchstwerte registriert.

Er hält ihn, weil der Rücktritt seines Kultusministers einer Bankrotterklärung der vielzitierten hessischen Reformpolitik gleichkäme. Die beiden; halten zusammen – weniger, weil sie sich als unzertrennlich empfinden, sondern vielmehr aus dem Zwang heraus, das hessische Image der Fortschrittlichkeit hochzuhalten.

Dieser Zwang ist ein Dauerzustand, seit Professor von Friedeburg Ende 1970 sein Ministeramt antrat. Gegen irgendeine Seite mußte ihn Osswald immer in Schutz nehmen, entweder gegen die CDU-Opposition, deren kulturpolitischer Sprecher erst kürzlich wieder forderte, der Ministerpräsident solle aus dem "Fiasko des bildungspolitischen Kurses in Hessen" die Konsequenzen ziehen und Friedeburg entlassen; oder gegen den linken Flügel der SPD, dem der Kurs des Kultusministers noch nicht entschieden genug ist. In der Not allerdings stehen die Genossen dann allemal wieder hinter ihrem Kultusminister, und das aus einem einfachen Grund: Potente Kulturpolitiker, die sich als Alternative anböten, sind nirgendwo zu sehen.

Die Rundumverteidigung betrifft alle Bereiche der Friedeburg-Politik. Der Kritik ausgesetzt sind sein mehr als gespanntes Verhältnis zu den hessischen Universitäts-Präsidenten und sein Krach mit den Rudimenten der ehemaligen Frankfurter Schule, von der ihm wohl nicht zu Unrecht vorgeworfen wird, daß er seine eigene akademische Heimat, das Institut für Sozialforschung, mit dem langen Arm des Ministers besonders fördere; vorgeworfen wird ihm weiter, er habe den Ausbau der Gesamtschulen zu sehr forciert und sich dabei materiell und personell übernommen. Der größte Stein des Anstoßes, auf den sich die CDU-Opposition immer wieder mit Leidenschaft und sicherem Instinkt für Breitenwirkung stürzt, sind aber die berühmten Rahmenrichtlinien für den Schulunterricht, denen auch die Freien Demokraten als Koalitionspartner der SPD nicht viel abgewinnen können und die weit über Hessen, hinaus zu heftigen Kontroversen geführt haben.

Um die Atmosphäre zu entgiften und seinen Kultusminister aus der Schußlinie zu ziehen, griff Ministerpräsident Osswald jetzt zu einem ziemlich ungewöhnlichen Mittel. Am letzten Freitag kündigte er an, er wolle ein öffentliches Forum nach Frankfurt einberufen, für das die bekanntesten Kritiker der Rahmenrichtlinien, an der Spitze Golo Mann und der bayerische Kultusminister Hans Maier, gewonnen werden sollten, um Änderungen zu diskutieren.

Wie auch immer die nächsten Landtagswahlen im Herbst nächsten Jahres ausgehen werden: mit guter Aussicht auf Erfolg kann man heute schon Wetten abschließen, daß Friedeburg nicht mehr ins nächste Kabinett Osswald berufen wird. Denn die Zahl der hessischen Bürger, die der kulturpolitischen Experimente müde sind, nimmt zu. Nach den professoralen Amateuren in der Kulturpolitik ist die Zeit scheint’s wieder einmal reif für einen soliden Sachwalter.

Gerhard Ziegler