Frauen rauften sich die Haare, Männer brachen in Tränen aus. Die Menge schrie: "Du bist der einzige Führer." Inmitten hysterischer Begeisterung, scheinbar immer wieder zögernd, nahm der libysche Staatspräsident Gaddhafi schließlich nach vierstündiger Rede am Montag im brodelnden Sportstadion von Bengasi seine Demission zurück. Er sei nun bereit, im Amt zu bleiben, bis die Union mit Ägypten proklamiert sei. Zuvor hatte auch der ägyptische Staatspräsident Sadat den 31jährigen Volkstribunen aufgefordert, weiterhin an der Spitze zu bleiben.

Der Rücktritt war drei Tage zuvor verkündet worden. Gaddhafi hatte erklärt, er wollte damit den Weg für Ägyptens und Libyens Zusammenschluß ebnen.

Die Aufforderung Sadats an Gaddhafi, im Amt zu bleiben, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Vorbehalte Ägyptens gegen die Fusion mit Libyen – trotz seines Reichtums durch das Öl – immer stärker werden. Die Sorge vor dem religiösen Fanatismus, dem politischen Sendungsbewußtsein und der rückschrittlichen "Kulturrevolution" des libyschen Führers wächst in Kairo. Sie kommt in Sadats Kritik zum Ausdruck, daß "gefühlvolle Impulse als Basis für eine Einheit nicht ausreichend" seien.

Der Staatspräsident spielte damit auf den Demonstrationsmarsch zehntausender Libyer nach Ägypten an, mit dem die Einheitsenthusasten den Zusammenschluß beider Länder zum 1. September hatten erzwingen vollen.

Die Ägypter stoppten den langen Marsch schließlich mit Brachialgewalt. Sie sprengten die Straße – 70 Kilometer östlich von Marsa Matruh – und errichteten Straßensperren gegen die leidenschaftlichen Libyer. Die Massen kehrten daraufhin um und schickten lediglich eine Abordnung zu Sadat, die ihm eine mit Blut geschriebene Petition überreichte. Sadat spielt in der Vereinigungsfrage deutlicher als zuvor auf Zeit. Auch hat er jetzt statt dessen eine Dreier-Union unter Einschluß Syriens vorgeschlagen. Ägypten und Syrien waren schon 1958 bis 1961 vereint.