Von Martin Gregor-Dellin

Als vor hundert Jahren, am 2. August 1873, in Bayreuth Richtfest gefeiert wurde, stieg Richard Wagner ins Dachgebälk des Festspielhauses und ließ den Zimmerpolier Hoffmann einen Hebespruch nicht etwa auf sich selbst, den privaten Bauherrn, sondern auf den "deutschen Geist" ausbringen. Ein paar Jahre später pfiff Wagner auf den deutschen Geist, weil die nutzlosen Bemühungen um die Beschaffung der Mittel für eine Stiftung ihn "rasend" machten.

Jetzt, hundert Jahre danach, ist die Stiftung Wirklichkeit geworden, freilich ohne den "deutschen Geist" und ohne nationale Gebärde, vielmehr auf jenem Grund, den man einen geschäftlichen nennt. Sie beseitigt einen längst bedenklich gewordenen Anachronismus: Ein bisher ausschließlich privatrechtlich betriebenes, in privaten Gebäuden veranstaltetes Festspielunternehmen wurde den veränderten Zeitumständen angepaßt.

Die Stiftung schiebt nicht nur der Zersplitterung und Zerstreuung des durch Erbgang bedrohten Archivs und Grundbesitzes einen Riegel vor, sie regelt auch die Frage der Nachfolge in der Festspielleitung. Immer lebt ja der Mensch, als sei er unsterblich, in der Vorstellung, daß alles so weitergehen könne wie gestern und heute. Trifft es dann einmal Vierziger wie John Cranko oder Wieland Wagner – um von Künstlern zu sprechen, die zu einer Institution von Dauer zu werden versprachen –, dann werden solche Illusionen auf heilsame Weise zerschmettert.

Nach der Lektüre von Urkunde und Satzung der Bayreuther Richard-Wagner-Stiftung wird einem im nachhinein erst bewußt, welchen möglichen künftigen Krisen und Komplikationen das Bayreuther Unternehmen gerade noch entgangen ist. Man darf annehmen, daß Wolfgang Wagner, der derzeitige Chef auf dem Bayreuther Hügel, an einer schnellen Regelung selber am meisten interessiert war, um angesichts der in den letzten Jahren sich häufenden Kritik den Kopf frei zu bekommen für weitreichende künstlerische Dispositionen.

Die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth, die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V., die Bayerische Landesstiftung, die Oberfrankenstiftung, der Bezirk Oberfranken und die Mitglieder der Familie Wagner – sie alle sind Mitglieder der Stiftung – verpflichten sich nach Urkunde und Satzung zur dauernden Erhaltung der Festspiele, zur "Pflege des künstlerischen Nachlasses von Richard Wagner" und zur Förderung der Forschung und des Verständnisses der Werke Wagners "insbesondere bei der Jugend und beim künstlerischen Nachwuchs". Auch wenn man berücksichtigt, daß Verträge und Satzungen nur das wert sind, was die Partner in der Praxis daraus machen, kann man davon ausgehen, daß die Beteiligten sich zu gutem Willen förmlich zwingen und am Funktionieren der Stiftung interessiert bleiben müssen, denn sie bringen in die Stiftung so viel ein, daß sie sich ihrer Verantwortung nicht ohne Verlust entziehen können.

Das Festspielhaus Bayreuth war nach wie vor privates Eigentum der Familie. Um sicherzustellen, daß es seinem Zweck erhalten bleibt, übereignen die Erben "unentgeltlich das Festspielhaus nebst allen Nebengebäuden und allen dazu gehörenden bebauten Grundstücken" auf die Stiftung. Das Haus Wahnfried wurde der Stadt Bayreuth geschenkt, allerdings mit Auflagen, die jetzt in Kraft treten: Die Stadt "stellt der Stiftung das Haus Wahnfried mit allen Nebengebäuden und Park für dauernd leihweise zur Verfügung", es soll baldmöglichst seiner Verwendung als Richard-Wagner-Museum zugeführt werden. Eingeschlossen in diese Dauerleihgabe ist das Seitengebäude des Grundstücks, das sogenannte Siegfried-Wagner-Haus, das die Stadt zum Preis von 600 000 Mark angekauft hat. Es birgt einen großen Teil des Archivs.