Es gibt Naturen, die durch nichts so leicht zum Träumen verleitet werden wie durch die Statistik. "Trockene Zahlen", so sagen die Verächter. Dem widersprechen die Träumer nicht. Aber ob sie wollen oder widerstreben: Sie umkleiden in ihrer Phantasie das dürre Skelett, mit dem lebendigen Fleisch und den durchbluteten Adern des Lebens.

Uff! Und jetzt wollen wir die Aufmerksamkeit auf das Bier lenken. Auf das innerdeutsche Bier.

Vertiefen wir uns in eine Studie des Westberliner Instituts für Wirtschaftsforschung, in der die Lebenshaltungskosten in Deutschland-West und Deutschland-Ost verglichen werden, so bemerken wir, daß drüben viele Sachen, die man unbedingt zum Leben braucht, etwa Kartoffeln und Brot, billiger sind als hüben, zum Teil erheblich billiger, während feinere Genußmittel wie Schokolade, edlere Alkoholika, südliches Obst und Kaffee jenseits der Elbe teurer zu stehen kommen, teilweise um das Vierfache. Aber das Bier – und das wollen wir wohl beachten! – hat hüben und drüben den gleichen Preis.

Die Statistik sagt uns durch ihre Zahlen, daß auf einigen Gebieten große Klüfte klaffen. Angenommen, ich ginge drüben zum Friseur, ließe meine. Wäsche waschen, mein Auto, reparieren, so würde mich das alles nur die Hälfte von dem kosten, was ich im Westen zahlen muß. Mit anderen Worten: Unsere "Brüder im anderen Deutschland" verdienen weniger und lassen notgedrungen die Finger von den Luxussachen. Andererseits: Bei ins sind die Preise der Konsumgüter seit 1969 um 20 Prozent gestiegen; bei ihnen heißt es offiziell, daß derartige Kosten sich seit 1964 nicht geändert hätten, was, wie die Statistik sagt, der Wahrheit nicht ganz entspricht. Aber wahr ist die Sache mit dem Bier.

Zwischen den deutschen Kräften fließt das Bier ruhig dahin. Das Bier, der deutsche und deutschstaaten versöhnende Strom.

Wenn laut statistischen Zahlen bestimmte Preise für ein und dieselbe Sache um 100 Prozent, ja sogar um 450 auseinanderklaffen, so zeichnet sich dennoch eine für den deutschen Oststaat günstige Tendenz ab. Gelingt es drüben, die Preise und Löhne, wie angekündigt, bis 1975 einigermaßen festzuhalten, während im Weststaat, wie zu erwarten ist, die Inflation munter weiterschreitet, so wird in zwei, drei Jahren der Unterschied ausgeglichen sein – sagt die Statistik. Wer. aber der Statistik nicht glauben will, vertraue auf das Bier!

Das Bier fließt uns voran.