Von Dieter E. Zimmer

Der Berliner Wagenbach-Verlag hat sich ohne erkennbare politische Gründe gespalten: Sieben seiner Mitarbeiter führen ihn als Rotbuch Verlag weiter, Klaus Wagenbach setzte sich mit dem größeren Teil des Programms ab und eröffnete unter seinem Namen einen neuen Verlag ohne kollektivistische Experimente. Um die Bedeutung dieses Schrittes einschätzen zu können, schilderten wir in der vorigen Ausgabe in groben Zügen, welche Folgen die 1967 auch ins Verlagswesen übergeschlagene Unruhe in den großen Verlagshäusern (Suhrkamp, Rowohlt, Hanser, Luchterhand) hatte. Dieser zweite und letzte Teil des Berichts beschäftigt sich unter anderem mit den Versuchen von Lektoren und Autoren, das Dilemma, das die Verbreitung linker Literatur durch "bürgerliche" Verlage notwendigerweise mit sich bringt, dadurch zu vermeiden, daß sie sich selber ans Bücherverlegen machten.

Im Jahre 1968 entstand in Frankfurt der Heinrich-Heine-Verlag. Seine Existenz verdankte er den Zuwendungen von Rudolf Schöning, der mit dem Druck von Steuerformularen und Rabattmarken in seinem Behörden- und Industrieverlag zu Geld gekommen war; Konzept und Elan lieferte der betriebsame Frankfurter Schriftsteller Horst Bingel. Dem Image des Verlages kam zustatten, daß er sich die bei den Linken bereits eingeführte Edition Voltaire locker eingliederte, die in Berlin finanziell gescheitert war. Sie allerdings verließ das havarierende Heine-Schiff schon bald wieder; ihr Herausgeber, der später durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Bernward Vesper, zog mit ihr zurück nach Berlin, wo sie sich derzeit auflöst.

Die kurze Geschichte des Heine-Verlags ist voll von stürmischen Absichtserklärungen; unter anderem verkündete man von vornherein die kollektive Arbeitsweise. Nach einem Jahr aber flog das alles in einer schwarzen Wolke von Erklärungen, Vertuschungen, Vorwürfen auf. Nichts habe geklappt, hieß es, es sei immer nur diskutiert und wenig gearbeitet worden, man habe Kalkulationen über den Daumen gepeilt, fahrlässige Verträge abgeschlossen, unrealisierbare Pläne entworfen, und die Bewirtungsrechnungen seien kilometerlang gewesen. "Es ist eine gewisse naive Euphorie, die hier offenbar den Blick für die Realitäten trübte", meinte Karl-Ulrich Majer, der von Schöning schließlich gerufen wurde, die Konkurs-Trümmer aufzuräumen. "In einer arbeitsgeteilten Gesellschaft ist es nicht möglich, daß Sie sich jetzt mit allen Leuten zusammensetzen und der Lehrling dann etwa sagt, das und das gefällt mir nicht... Bingel (hat) das Programm allein gemacht... Aber das Ganze war verkleidet in dieses Modell, das nicht funktionierte. Es war nur ein Tarnmantel, damit sich das Kind sozialistisch nennen kann und progressiv." Dazu auch Heine-Autor Gerhard Zwerenz: "Der Heine-Verlag wurde von einem Millionär finanziert, hinter einem Mitbestimmungs- und Mitarbeiterpapier versteckt und von den Wunschträumen des Lyrikers Bingel so unbarmherzig wie fehlkalkulatorisch vorwärtsgestoßen." Schöning bezahlte diese Eskapade in den Dilettantismus mit etwa 750 000 Mark.

Im März 1969 verließ der Werbefachmann Jörg Schröder mit einem Teil der Belegschaft den kleinen Frankfurter Melzer Verlag, der marode darniedergelegen und den er in kurzer Zeit durch eine kräftige Spritze Porno- und Provo-Literatur aufgemöbelt hatte, und eröffnete den März-Verlag, eine jedenfalls auch nach außen hin äußerst rege Firma, die Sozialismus, Underground, Pop, Acid und vor allem Sex in jeder Qualitätsklasse pflegte und deren gelb-rote Einbände jetzt, im nachhinein, ungemein charakteristisch erscheinen für jene jugendbewegten Jahre. Möglich wurde das März-Wunder unter anderem dadurch, daß Schröder gleich am Anfang auch die deutsche Dependance der Olympia-Press, dieses traditionsreichen Spezialhauses für literarische Pornographie, an sich gebracht hatte; die Olympia-Gewinne finanzierten März. Indessen, der Pornographie-Boom ließ ab 1970 nach und ebenso der Impetus aus dem Underground, und so geriet der Verlag im Sommer 1972 in Zahlungsschwierigkeiten. Erst im April dieses Jahres kam es zu einem Vergleich mit den Gläubigern, der das Weiterbestehen möglich macht. Neue Titel erscheinen frühestens 1974, höchstens sechs im Jahr und nach Schröders Willen nunmehr verlegt mit einem "Minimum an Logik".

Was bei März vorgegangen ist, hat Jörg Schröder vorigen Herbst in seinem Abrechnungsbuch "Siegfried" in Klartext beschrieben: "...Ekel vor diesem künstlichen und verlogenen Beteiligungsquatsch, der durch keine Qualifikationen, nicht einmal durch die leisesten freiwilligen Ansätze der Beteiligten gedeckt war ... (KD Wolff hat es) fertig gebracht, die Hälfte der Linken in Frankfurt aus dem März-Freßtopf zeitweise zu ernähren, durch entsetzlich schlechte Übersetzungen, halbgemachte Konzeptionen, durch Herausgebertaten und allen möglichen Blödsinn ... Die Leute interessierten sich nur für den Gewinn. Was sie dazu beitragen könnten, damit ein Gewinn überhaupt zustande käme, danach hat mich in der ganzen Zeit nicht einer gefragt. Sie waren Kommanditisten und wollten weiter befohlen kriegen ... Investieren war für sie ‚Gewinne beiseite schaffen‘ ... Ich war nicht mutig genug, um den Leuten zu sagen: ‚Alles Mist, der Mist wird aufgelöst, wir müssen das anders organisieren: Prämien, Tantieme, Leistungsbeteiligungen, weiß der Henker was!‘ Soweit war ich dann zum Schluß, als es aber bereits sinnlos war, noch darüber zu reden."

Nicht zu vergleichen mit solchen Seifenblasen ist die andere Gründung des Frühjahrs 1969, der Verlag der Autoren in Frankfurt, ins Leben gerufen von dem bei Suhrkamp ausgeschiedenen Theaterlektor Karlheinz Braun: kein Verlag eigentlich, sondern eine Theateragentur (er druckt keine Bücher, sondern bietet den Theatern Stücke an), also auch mit keinen hohen Produktionskosten befrachtet und von Anfang an in der Lage, sich von wohl- oder nicht so wohlwollenden Geldgebern fernzuhalten. Der Verlag ist Eigentum seiner (inzwischen 54) Autoren, das Lektorat wird von zwei gewählten "Delegierten" besorgt, bisher von Karlheinz Braun und dem ehemaligen Dramaturgen Wolfgang Wiens. Sie entscheiden, welche Stücke der Verlag vertreten will; die Autorenversammlung wählt neu hinzugekommene Autoren dann zu Verlagsmitgliedern – eine Formsache bisher. Autorenschaft und Lektorat werden säuberlich auseinandergehalten: "Kein Autor will oder soll des anderen Lektor sein." Gewinne werden teils gleichmäßig, teils nach individuellem Erfolg verteilt, ein anderer Teil bleibt dem Verlag als Kapital; davon unabhängig erhält jeder Autor seine Tantiemen. Wenn der Verlag der Autoren jetzt vier Jahre ohne Krise überstand, so darum, weil er von Anfang an professionell aufgezogen war und sich gewagter Experimente mit der Abschaffung des Leistungsprinzips oder der Arbeitsteilung und auch jeder doktrinären Enge enthielt: "Der Verlag versteht sich nicht als Gesinnungsverein, sondern als Vereinigung von Autoren gleichen Interesses."