Die Futtermittelknappheit verhilft Autarkie-Parolen in Europa zu neuer Popularität

Jacques Chirac, Frankreichs Landwirtschaftsminister, hatte den Ludergeruch des Bauernaufstandes in der Nase: "Die Volksseele kocht", vermeldete der elegante Technokrat aus Paris unheilverkündend, "es droht ein Aufstand der Straße. Und in der Bretagne, so wird mir berichtet, werden schon Waffen verteilt."

Doch mit seiner Hiobsbotschaft konnte der Franzose die klimatisierte Luft im 15. Stock des Brüsseler Charlemagne-Hochhauses nicht anheizen. Chiracs Kollegen aus den anderen EG-Mitgliedstaaten zeigten sich unbeeindruckt.

Sie behielten auch dann noch einen kühlen Kopf, als der ungestüme Gallier mit dem Auszug aus der Konferenz des Ministerrats drohte, wenn die Partner nicht auf seine Linie einschwenkten. "Das gehört bei dem wohl schon zum Ritual", empörte sich ein Mitglied der deutschen Delegation über den Versuch Chiracs, die alte Politik des leeren Stuhls wieder zu beleben.

Wie Chirac hatten auch die anderen Agrarminister einen Schock empfunden, als die amerikanische Regierung vor kurzem für eine Reihe von wichtigen Agrarprodukten Exportbeschränkungen verhängte. Minister Ertl: "Die Handelspolitik der USA wird unerträglich." Doch wie Ertl wollte auch die Mehrheit im Rat von überstürzten Aktionen nichts wissen.

EG-Agrarkommissar Petrus Lardinois soll daher in Washington Landwirtschaftsminister Earl Butz, Finanzminister George Shultz und Handelsminister Frederick Dent die Bestürzung der Europäer über den Vertragsbruch der Amerikaner mitteilen und sie nach den weiteren Absichten der Administration fragen.

Das interessiert Europas Agrarpolitiker besonders deshalb, weil in der Versorgung mit proteinhaltigen Futtermitteln die Gemeinschaft zu rund 60 Prozent von Einfuhren abhängig ist. Hauptlieferant sind die Vereinigten Staaten, die mit acht Millionen Tonnen Sojabohnen 1972 rund eine Milliarde Dollar auf dem Markt der Gemeinschaft verdienten. Etwa die Hälfte der bestehenden Lieferkontrakte haben die Amerikaner jetzt annulliert – und damit die europäischen Fleischtierzüchter am Lebensnerv getroffen. Denn ohne Sojabohnen gibt es keine Futtermischungen.