Ein Vierteljahrhundert nach seinem Ableben ist Karl Valentin wieder "in". Zwar haben sich die meisten Versuche, seine Texte nachzuspielen, als Sturzflüge in die pietätvolle Langeweile oder in die vergagte, den Blick auf das Original freilich verstellende Imitation erwiesen. Und die Verschnitte seiner Kurzfilme, die ihn als "ewig jung" oder "unsterblich" anpreisen, verursachen zumindest ebensoviel ärgerliches Kopfschütteln wie Freude über das Wiedersehen.

Aber selbst wenn man Valentins abgründigen, die Oberfläche der Wirklichkeit durchdringenden Witz in den gar nicht so lustigen Rahmen eines "Lachkabinetts" einspannt, bleibt er Sieger. Wie unangepaßt und unanpaßbar Valentin war und noch immer ist, bekommen gelehrte Dramaturgen, die ihn als Urahn des absurden Theaters ausrufen wollten, ebenso zu spüren wie diejenigen, die ihn in die unverbindlichen Bereiche des volkstümelnden Schwanks einzubeziehen versuchten. Erich Engels’ Filmlustspiel "Donner, Blitz und Sonnenschein" aus dem Jahre 1936 dokumentiert die Unmöglichkeit, den Münchner Komiker in eine Allerweltsposse einzupassen.

"Die Welt und das Ich befinden sich bei Valentin in einem permanenten Kriegszustand", schrieb der Wiener Friedrich Geyrhofer über den aus Prinzip grantigen Münchner. Diese Welt ist in Engels’ Film die Welt des abgestandenen Schwanks, der Konflikte nur erfindet, um sie in feuchtfröhlicher Heiterkeit auflösen zu können, und die Welt eines unehrlichen Kinos der synthetischen Lustigkeit, wie es der Führer und sein hinkender Propagandist dem Volk zu jener Zeit verordnet hatten.

Nur: Karl Valentin machte da nicht mit. Wenn ihm die Filmleute schon seinen Wunsch, die "Raubritter von München" zu verfilmen, ablehnten, so hieß das noch lange nicht, daß er sich auf ein so albernes Spiel um einen verschwundenen und wiedergefundenen, überdies noch falschen Hundertmarkschein und die Spekulationen um ein übelriechendes Heilwasser einließ. Mochten da auch die Berliner Schauspieler von Albert Florath über Hans Leibelt bis hin zu Käthe Haack als Edelchargen in Lederhosen und Dirndl auftreten, mochte da auch Aribert Wäscher in fast schon dämonischer Maske die Glanznummer eines heruntergekommenen Tanzlehrers hinlegen – Valentin war aus Grundsatz gegen alles. Trotz aller Beschränkungen, die ihm das einfältige Drehbuch auferlegte, gelang es ihm, seine eigenen Einfälle einzuschmuggeln. Vom Anfang bis zum Ende widerspricht er dieser Welt der blinden Chargen und der falschen Zufälle, selbst dem ihm zugedachten Happy-End steht er mißtrauisch gegenüber. "Immer diese weibliche Erotik", nörgelt er, als die Liesl Karlstadt ungewohnterweise auch noch einen Kuß will.

Valentins verbohrter Skeptizismus, der gar nicht im Sinne derer lag, die das Volkstümliche auf einmal auf der zweiten Silbe betonten, bringt die irreale Welt dieses Schwanks immer wieder auf den Boden der Wirklichkeit herunter. Er unterwandert die wohlfeilen Illusionen dieser Möchtegerndramaturgie so verblüffend, daß es einem dreiunddreißig Jahre später noch fast die Sprache verschlägt. Wolfgang Ruf