"Reiseplan für Westberliner anläßlich einer Reise nach Moskau und zurück", Handbuch für Einwohner No. 2 von Günter Bruno Fuchs. In diesem; jüngsten Band für Liebhaber einfühlsamer Fuchs-Luftreisen findet sich unter einigen bereits bekannten auch einer jener neuen Texte, deren Länge im umgekehrten Verhältnis zur Länge ihres Titels steht: "Wilhelms Praktische Lehrsätze auf Grund des gelösten Rätsels zu Andernach. (Untertitel: Detektivstück.) Das Rätsel löst sich dem Detektiv als ein scheinbares, denn dem Mädchen Melanie Chemnitz in Andernach fehlt nichts, ist nichts geschehen, es ist nicht verschwunden, nicht geschändet und bekommt auch kein Kind. Man kann das Mädchen Melanie Chemnitz sorgenfrei auf einem Spaziergang begleiten. Nur vor ihrem Haus ist dem Detektiv ein Zusammenstoß mit einem Mann widerfahren, der sich als "Rammer!" vorstellt. Fuchs quittiert seinen Tritt ans Schienbein mit den Worten: "Wörter können allerlei anrichten. Unsere Vorfahren wußten das zu jeder Zeit." So läßt sich beinah jeder Text von hinten aufdröseln, und das ist auch das Schöne daran. Die meisten der äußerst kurzen Prosatexte laufen auf einen letzten Satz hinaus: "Taktvolle Reisende werden die Lösung irgendwann finden." Oder: "Abzielt, ein Tätlichkeitswort." Oder auch: "Hinaus mit dir in den Abend!" Die Inhalte dieser lakonischen Bilderbuchprosa sind noch bescheidener, noch kindlicher geworden, die Sprache noch einfacher. Freilich hat diese Art der Verknappung ihre natürliche Grenze in der Tragfähigkeit eines Einfalls. Freilich. (Reihe Hanser 114, Hanser Verlag, München; 136 S., 7,80 DM.)

Martin Gregor-Dellin