Trotz der Strafandrohung des Kongresses: Warum will Nixon die Tonbänder nicht herausgeben?

Von Jürgen Kramer

Washington, im Juli

Richard Nixon wurde mit seinen Krisen immer dann am besten fertig, wenn er tief gedemütigt, hoffnungslos in die Ecke gedrängt, gar am Boden zerstört schien. Der Zustand tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher persönlicher Erniedrigung ist bei ihm fast so etwas wie eine notwendige Voraussetzung für seine Art der Krisenbewältigung. Er rappelt sich jeweils hoch, sobald es ihm gelingt, einen Gegner auszumachen, gegen den sich die befreiende und erbarmungslose Konterattacke richten kann. In dem Buch über seine berühmten sechs Krisen hat er offenbart, nach welchen psychologischen Gesetzen dies abläuft. Er scheint, wie der Politologe James David Barber ("The Presidential Character") einmal feststellte, geradezu Appetit auf Krisen zu haben.

In der Watergate-Affäre, der siebten und mit Abstand schwersten Krise Nixons, hat sein Krisenmechanismus bisher nicht recht funktioniert. Der Präsident ist offensichtlich nicht in der Lage, jenen Gegner zu finden, auf den er seinen Gegenangriff mit Aussicht auf Erfolg richten könnte. Die Presse, die entscheidend zur Aufdeckung des Watergate-Skandals beigetragen hat, scheidet ebenso aus wie die demokratische Oppositionspartei, die als Watergate-Opfer unantastbar ist. Auch die radikale Linke ist kein Angriffsobjekt, weil sie mit dem Skandal nichts zu tun hat. Hinzu kommt, daß Nixon diesmal – anders als in seinen früheren Krisen – das Gesetz des Handelns aus der Hand genommen ist. Die Vernehmung seiner einstigen Mitarbeiter vor dem Untersuchungsausschuß des Senats hängt wie ein Damoklesschwert über ihm. Er ist dem Wissen oder Wohlwollen seiner ehemaligen Untergebenen ausgeliefert und hat es nicht in der Hand, den Zeitpunkt der Konterattacke zu bestimmen.

Sieht der Präsident jetzt eine Chance dafür? Sein kategorisches Nein zum Verlangen des Untersuchungsausschusses und des unabhängigen Sonderanklägers Archibald Cox, zur Aufklärung der Watergate-Affäre relevante Dokumente und Tonbänder des Weißen Hauses zur Verfügung zu stellen, ist das erste Indiz einer Konterstrategie. Das zweite Anzeichen ist die geradezu rüde Mitteilung an den liebenswürdigen Ausschußvorsitzenden, Sam Ervin, er wolle ihn nicht mehr sehen, obwohl Nixon ihm erst am 12. Juli ein Treffen unter vier Augen zugesagt hatte. Der unversöhnliche Kurs des Präsidenten läßt den Schluß zu, daß er jetzt, in einem Augenblick großer Bedrängnis, am Tiefstand seiner Popularität (nur noch 40 Prozent der Amerikaner fanden nach der jüngsten Gallup-Umfrage seine Amtsführung akzeptabel) den Versuch unternimmt, das Gesetz des Handelns wieder an sich zu reißen. Doch ist im Augenblick nicht abzusehen, wie weit ihn diese Taktik bringen wird.

Strafandrohung ins Weiße Haus