ZDF, Donnerstag, 19. Juli: "Vorwärts, und nicht vergessen ... – Lieder des Widerstands"

Ein Mann sitzt hinter dem Schreibtisch, schildert knapp, aber mit großem Elan, punkttuell und exemplarisch, mit gewaltiger Verve die Geschichte des politischen Kampflieds, nennt Namen, verweist auf Probleme, zitiert Autoritäten – und bleibt dabei im Bild. Keine Mätzchen mit eingeblendeten Inserts: Wenn der Mann Platon erwähnt, sieht man nicht den Kopf irgendeines bärtigen griechischen Menschen; wenn er die Sinnlosigkeit des Sprichworts von den bösen Menschen, die keine Lieder hätten, durch einen Hinweis auf die Tatsache entlarvt, daß im Konzentrationslager schließlich nicht nur die Inhaftierten, sondern auch die Wachmannschaften ihr Lied angestimmt hätten, dann bleibt dem Betrachter am Bildschirm das obligate Standphoto gottlob erspart.

Wie gut dieser Verzicht auf Illustrationen ist, die keine sind, das demonstriere ex negativo der (einzige) Regelverstoß: Als der Kommentator den Namen Hanns Eisler aussprach, sah man, ein paar Augenblicke lang, statt des Moderators ein Photo von Eisler... als ob dadurch der Name anschaulich würde.

Dann, nach der Introduktion: die Belege. Beweisstücke der These, daß das Kampflied politisch wirkungslos sei, wenig aufklärerisch, leicht umfunktionierbar: heute ein Ausdrucksmittel der Autoren, die im Westen als Hofnarren fungieren, deren Duldung Liberalität bezeugen soll, und im Osten, wo Literatur ein Politikum ist (und kein kabarettistisches Alibi), ihre Verse nur zu Gehör bringen können, wenn sie botmäßig sind.

Und schließlich, auf der dritten Ebene: eine dialogische Analyse der Beweiselemente; Befragung der Liedermacher und Sänger (soweit sie erreichbar waren); stereotype Fragen, die allen die gleiche Chance boten, ihr Programm zu begründen und mit dem Programm ihren politischen Standort. Auch hier: keine Mätzchen und, vor allem, keinerlei Interpretationen, Abschwächungen oder Aufwertungen der von den Autoren vorgetragenen Thesen. Abermals wurde ex negativo, durch zwei eher mokante als überzeugende Exkurse, mit gebotener Klarheit verdeutlicht, wie wichtig es ist, daß der Moderator im Gegensatz zu üblicher Praxis das Geäußerte unangetastet läßt: Der Betrachter am Bildschirm wird sich sein Urteil schon bilden, wenn der Liedermacher (West) über den Liedermacher (Ost) erklärt, daß der schließlich selbst daran schuld sei, wenn man ihn nicht auftreten lasse: objektiv die Entwicklung des Sozialismus behindernd!

Ungeachtet aller Zurückhaltung trat der politische Standpunkt des Kommentators deutlich heraus: Nebensätze genügten, um die Position eines bürgerlichen Liberalen zu artikulieren, der Argumenten eher als agitatorischen Parolen vertraut und dabei, scheint mir, in Gefahr ist, den Einfluß öffentlichen Räsonnierens zu überschätzen.

Der Kommentator heißt Marcel Reich-Ranicki; es sangen, von Gisela May und Ernst Busch bis hin zu Degenhardt und Süverkrüp, die Meister des Fachs: Man hörte Chansons von verwegener Schönheit und Bekenntnisse bei Gitarrenbegleitung; die Sendung hatte Tempo und Witz; die Übergänge, alles zügig, alles rasch, waren plausibel (Ausnahmen wie "gern hört man auch den Sänger A" oder "Kommunist ist ebenfalls" bestätigten – im Stil des Literaturgeschichts-Diktums "Aus Ostpreußen stammt gleichfalls" – ein letztes Mal nur die Regel); Widerspruch wurde provoziert und nicht unterdrückt.

Momos