Robert Heiss: "Utopie und Revolution. Ein Beitrag zur Geschichte des fortschrittlichen Denkens;" Serie Piper Bd. 52; München 1973, 156 S., 8,– DM.

Robert Heiss, Philosoph und Schüler von Nicolai Hartmann, hat ein Buch vorgelegt, das mit Sicherheit Widerspruch von marxistischer Seite hervorrufen wird – aber nicht nur von dort. Schon die in der Titelzeile hergestellte Assoziation zwischen Utopie und Revolution muß aufhorchen lassen: wird hier doch eine Beziehung aufgestellt, die auf den ersten Blick kaum einsichtig erscheint.

Die These des Buches läßt sich etwa wie folgt skizzieren: Utopisches Denken hat es seit Jahrtausenden gegeben. Die im 16. Jahrhundert veröffentlichte Schrift "Utopia" von Thomas Morus leitete nach einer Phase der "utopielosen" Zeit eine Flut weiterer Utopien ein. Die Linie führt über Campanella, Bacon, Fourier, Cabet, Marx und Marcuse bis zur Futurologie der Gegenwart. Entscheidend ist dabei, daß die ursprünglich naiven Utopien heute den rational-kritischen, technischen und revolutionären gewichen sind.

Die Ambivalenz dieser These liegt auf der Hand: Was, so muß zunächst gefragt werden, wird überhaupt unter dem Begriff der Utopie subsumiert?

Heiss geht zunächst von der Definition Karl Mannheims aus: "Utopisch ist ein Bewußtsein, das sich mit dem umgebenden Sein nicht in Deckung befindet. Aber nicht jede inkongruente, das jeweilige Sein transzendierende und in diesem Sinne wirklichkeitsfremde Orientierung wird uns als eine utopische gelten. Nur jene wirklichkeitstranszendente Orientierung soll von uns als eine utopische angesprochen werden, die, in das Handeln übergehend, die jeweils bestehende Wirklichkeit zugleich teilweise oder ganz sprengt."

Das Problem wird so jedoch nur noch deutlicher: Utopie wird mit wirklichkeitstranszendentem Handeln gleichgesetzt. Heiss führt daher zu Recht einige weitere Merkmale an: den Faktor der Phantasie, das Wunsch- und Erlösungsdenken sowie das Ziel der Verwirklichung des neuen Menschen.

Das Ergebnis bleibt dennoch unbefriedigend. Das mag primär daran liegen, daß Heiss auf eine Differenzierung, wie sie Ernst Bloch, Georg Picht und Helmuth Pütz vorgenommen haben, verzichtet.