Von Rolf Runkel

Tel Aviv

Der Schlußläufer der Fackelstafette bog in das Stadion Ramat Gan in Tel Aviv ein. Das Feuer war am Grabe der alten Mackabäer in Modiin im ehemals jordanischen Teil von Palästina entzündet worden, es sollte an das alte Priestergeschlecht der Makkabäer erinnern, das sein Volk vor rund 2000 Jahren von der syrischen Herrschaft befreite. Brieftauben stiegen auf, Kanonenböller, das Hissen der weißen Fahne mit dem blauen Davidstern und der Jubel von 50 000 Menschen kündigten von der Eröffnung der neunten Makkabiade, dem Olympia der Juden.

Das Ritual glich dem der Olympischen Spiele, doch es wirkte schal wie eine schlechte Kopie. Lediglich die Sicherheitsvorkehrungen, die ein Beamter lakonisch mit den Worten kommentierte: "Ein München ist genug", hatten professionellen Zuschnitt. Sie brachten der Makkabiade das Prädikat "Bestbewachte Sportveranstaltung unserer Zeit" ein. Jüdische Sportler aus der Bundesrepublik, die zum zweitenmal nach 1945 teilnahmen, genossen augenscheinlich aufmerksamere Beobachtung als Bundeskanzler Brandt bei seinem kürzlichen Israelbesuch.

Bei einer Totenmesse zu Ehren der Opfer des Münchener Überfalls war von teuflischen Mördern die Rede, von Zweifeln darüber, wer zu beschuldigen sei und – in leidenschaftlicher Form – vom Willen der Israelis, sich nicht isolieren zu lassen und weiterhin seine sportliche Jugend in die Welt hinauszuschicken. "Und niemand kann es uns verdenken", sagte ein Sportfunktionär, "wenn unsere Mannschaften in Zukunft von ein paar mehr Masseuren begleitet werden, als es international üblich sein mag". Die Wunden von München sind noch zu frisch, als daß sie nicht bei jeder Gelegenheit wieder aufzubrechen drohen.

Es ist wenig sinnvoll, das Weltsportfest der Juden an dem internationalen Leistungsstandard zu messen. International beachtliche Leistungen, meist vom starken Kontingent amerikanischer Juden aufgestellt, waren selten, und auch die drei Goldmedaillen des Kölner Kunstturners Dany Leder wiegen, gemessen am Teilnehmerfeld, nicht schwer. Für den deutschen Juden Dany Leder jedoch sind sie mindestens ebenso wertvoll wie olympische Medaillen.

Die Makkabiade, 1932 erstmals ausgetragen, um den zu dieser Zeit in aller Welt unterdrückten und diskrimierten Juden ein Forum zu geben, ist ein religiöses Sportfest. Traditionell steht am vorletzten Tag der Spiele eine gemeinsame Fahrt aller Teilnehmer zur Klagemauer nach Jerusalem auf dem Programm, der wichtigsten Gedenkstätte des Judentums. Da spielen sich ergreifende Szenen ab, die die Zweitrangigkeit von Siegen und Medaillen bei einer Makkabiade dokumentieren. Am sportlichen Wert der Spiele ist auch im eigenen Land heftig Kritik geübt worden. Nur Israel stellte eine Nationalmannschaft, alle anderen Länder schickten Auswahlmannschaften. In der Bundesrepublik gibt es höchstens 100 Basketball spielende Juden, in Israel mehrere hunderttausend. Kein Wunder, daß manche Resultate mehr einen deprimierenden als einen solidarisierenden Effekt hatten und daß sich die Gastgeber den Vorwurf gefallen lassen mußten, mit ihrer Nationalmannschaft auf Medaillenjagd gegen kleine jüdische Grüppchen aus aller Welt gegangen zu sein.