Von Theodor Eschenburg

Die Überraschung war perfekt. Die Verspätungen im Flugverkehr seien zum erheblichen Teil eine Folge der allgemeinen Überfüllung des Luftraums in Europa, nicht aber des Bummelstreiks der Fluglotsen. So tat Bundesverkehrsminister Lauritzen anläßlich seiner Informationsreise zu den Flughäfen der Öffentlichkeit kund. Zwei Tage später aber strich die Lufthansa wegen des Streiks zwei Drittel des Inlandverkehrs.

Bei gleicher Gelegenheit sprach Lauritzen von Überlegungen seines Ministeriums, die Fluglotsen in die Eurocontrol einzugliedern. Diese zahlt unvergleichlich höhere Gehälter, als sie der Fluglotsenverband gefordert hat, selbst wenn man Abstriche für die deutschen Fluglotsen einrechnet. Kurz vorher hatte jedoch dasselbe Ministerium mit Ultimaten und Schadenersatzklagen gedroht, ebenso mit Disziplinarmaßnahmen, Gehalts- und Urlaubskürzungen. Es hatte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und Kriminalbeamte eingesetzt.

Dieser plötzliche Umschwung bei einem sonst so solide arbeitenden, kaum aus der Ruhe zu bringenden Minister nimmt wunder. Gewiß ist Taktik nach dem Rezept eines Wechselbades möglich; sie kann sogar notwendig sein, wenn dahinter ein strategischer Plan steht. Eben daran scheint es aber zu fehlen. Tatsächlich hat Lauritzen mit seiner Friedensschalmei die Fluglotsen nicht gerührt. Augenblickliche Besserung besagt nicht viel; nach Zeit und Raum unterschiedlicher Einsatz gehört zur Guerillataktik.

Der kleine Verband von unersetzbaren Spezialisten in Monopolstellung und technischer Schlüsselposition mit starker Solidarität hält sich für eine dem schwerfälligen Apparat eines Rechtsstaats äußerst überlegene Kampfeinheit. Der Vorsitzende Kassebohm und sein cleverer Stab hatten instinktiv oder dank eifriger Lektüre die Partisanenerfahrungen auf die Störaktionen seines Verbandes übertragen. Die Fluglotsen gehören zwar nicht zu den politisch Radikalen, aber sie scheinen von ihnen gelernt zu haben. Selbst die Erinnerung an Raubritter und Piraten wird man nicht ganz los. Nur, daß die Fluglotsen nicht Gewalt gebrauchen – sie bedürfen ihrer nicht. Es geht nicht um Lösegeld, sondern um übermäßige Statusverbesserung. Diese wollen sie sich beschaffen, indem sie Freiheitsbeschränkungen und Geldverluste erzwingen. Die Fluglotsen sind keine Helden und möchten es auch nicht sein. Worum es ihnen vielmehr geht, ist die risikolose Rebellion, der Traum der Revolutionäre unserer Zeit, auch in Deutschland.

Daß dieser Zweck ihre Mittel heiligt, wird selbst der nicht anerkennen, der Teile ihrer Forderung für berechtigt hält. Aber das rührt die Fluglotsen nicht. Für sie ist entscheidend, daß sie sich unangreifbar fühlen. "Dienst nach Vorschrift ist vorschriftswidriger Dienst", sagt der Saarbrückener Staatsrechtslehrer Joseph Isensee, "er erzeugt Streikeffekt." Das Verbot dieses "Streiksurrogats" gelte, so Isensee, auch für Arbeiter und Angestellte des öffentlichen Dienstes, denen echter Streik erlaubt ist.

Den "Dienst nach Vorschrift" aber mit rechtsstaatlichen Mitteln zu bekämpfen, ist äußerst schwierig, vielfach kaum möglich. Das haben gerade die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Fluglotsen und den Verband in den letzten Tagen gezeigt. Diese gehen von der für sie selbstverständlichen Voraussetzung eines Friedensschlusses aus, daß nämlich alle gegen sie gerichteten Maßnahmen dann aufgehoben werden. Eine solche partisanenhafte Findigkeit und Hemmungslosigkeit haben das Verkehrsministerium und die anderen beteiligten Ministerien nicht einkalkuliert.