Europas Anspruch und Wirklichkeit bleiben unvereinbar. Wie tief der Graben zwischen Schein und Sein europäischer Gemeinsamkeit tatsächlich ist, wurde erst in dieser Woche wieder deutlich. Am Montag begaben sich die EG-Außenminister unter grotesken Umständen wieder auf die Suche nach der "europäischen Identität": Morgens, in Kopenhagen, debattierten sie über die politischen, abends, in Brüssel, über die ökonomischen Aspekte des Verhältnisses zu Amerika. Konkrete Ergebnisse wurden bei keiner der beiden Sitzungen erzielt. Was blieb, war ein fader Geschmack von formalistischer Engstirnigkeit der Franzosen und von Leisetreterei aller übrigen.

Die Kopenhagener Irrfahrt ist ein Symptom für die Malaise der Gemeinschaft. In welchen Bereichen sollen die Neun gemeinsam handeln? Welche Entscheidungen treffen sie als souveräne Einzelstaaten? Weder in der Wirtschafts- und Währungspolitik noch bei dem eben verabschiedeten Umweltprogramm ist diese zentrale Frage beantwortet. Andere gewichtige Vorhaben, wie die gemeinsame Regional- und Sozialpolitik, werden gleichfalls durch den Kompetenzenstreit blockiert.

Schon wird in Brüssel die Befürchtung laut, daß ein großer Krach bevorstehe. Keine beruhigende Perspektive, gewiß – aber sie birgt auch Möglichkeiten. Vielleicht kann nur ein reinigendes Gewitter die Europäer von dem Kurs abbringen, den sie derzeit wieder einmal steuern: in die Sackgasse nationaler Selbstsucht. D. B.