Hof

Dies ist", murmelte Paraguays Präsident Alfredo Stroessner mit einem Augenzwinkern, das Herren aus seiner Begleitung später als Zeichen von spontaner Rührung zu deklarieren suchten, "dies ist der Augenblick, von dem ich mein ganzes Leben lang geträumt habe."

Alfredo Stroessner, Präsident aus einem fast vergessenen lateinamerikanischen Hinterwäldlerstaat, auf Besuch in Hof, der Heimatstadt seiner Vorfahren. Großvater Stroessner lebte hier, im Nordosten Bayerns, als bayerisch-königlicher Lokomotivführer; der Vater als Brauerei-Angestellter, der schließlich 1898 nach Paraguay auswanderte, das für die Hofer Bürger noch heute kaum mehr als ein weißes Fleckchen auf dem Globus ist.

Staatsbesuch in Bayern – mit Familienanschluß. Bundespräsident Heinrich Lübke hatte sich nichts Böses dabei gedacht, als er Paraguays Präsidenten-Diktator in die Bundesrepublik einlud. Die Herren der inzwischen veränderten Bonner Szenerie wiederum waren nicht unglücklich darüber, daß der Lateinamerikaner seinen Besuch auf Bayern und dort vorwiegend auf das Kennenlernen von zurückgebliebenen Verwandten in Hof beschränkt wissen wollte. Die Financial Times konnte diesen Vorgang in die folgende Betrachtung kleiden: "Der Besuch ist auf Bayern beschränkt, eine Gegend, die progressive Kreise in Bonn für ebenso reaktionär halten wie Paraguay."

Der Vetter aus Dingsda kam mit großem Gefolge, Verwandten, Freunden, Rundfunkreportern, die mit gebührendem Pathos jedes Wort ihres Präsidenten kommentierten und es "live" nach Asuncion meldeten. Zuerst kam Stroessner in die bayerische Landeshauptstadt. Erzählte Tochter Graciela auch, der Präsident und Papa habe Tränen in den Augen gehabt, als die "Electra" der paraguayanischen Luftlinie Münchner Boden berührte, so besann sich der seit 19 Jahren eisern amtierende Präsident angesichts des schwergewichtigen Begrüßungskommandos (Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel als Bundesratspräsident und Außenminister Walter Scheel) schnell jenes Anliegens, das ihn in die Bundesrepublik geführt hat. "Ich bin stolz darauf", sagte er, "wenn man in der Welt sagt: Es ist ein Deutscher, der Paraguay regiert."

Selbst Alfons Goppel blickte verlegen in die Runde, als Stroessner "jene ewigen deutschen Tugenden", nämlich Arbeitsfreude, Pünktlichkeit und Disziplin, als Maßstäbe pries, nach denen er seit nunmehr 19 Jahren seine Republik regiert. Studentengruppen und Amnesty International hatten per Handzettel ein wenig Straßenaufklärung versucht. Die Umgebung von Stroessner befand es indes als unangebracht, daß ausgerechnet in diesen Tagen, "da der Traum unseres Präsidenten in Erfüllung geht", auf politische Gefangene verwiesen wurde, die aus fliegenden Hubschraubern stürzten oder als Leichen im trägen Paranáfluß trieben.

So intensiv auch die emotionale Bindung des Paraguay-Präsidenten an seine alte Heimat sein mag, die Sprache Goethes und Schillers ist seine Stärke nicht. So konnte es auch in Hof zu dem Mißverständnis kommen, daß Stroessner einer Gruppe jugendlicher Demonstranten dankend zuwinkte, die nichts anderes skandierten als "Mörder Stroessner, raus aus Hof". Später und ein wenig aufgeklärter über die Vorgänge, meinte der Präsident, bei ihm zu Hause in Paraguay wäre es wohl kaum möglich, daß ein Gast unter den Augen der Polizei beschimpft werde.