Wer sagt die Wahrheit: Steiner oder Wienand? Eine Zwischenbilanz der Untersuchung Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

In der Fußballsprache ausgedrückt, steht es in der Steiner-Wienand-Affäre jetzt eins zu eins, mit einigen Feldvorteilen für die SPD. Denn nachdem Julius Steiners präzise und in sich geschlossene Schilderung über den angeblichen Kauf seiner Stimme, durch den sozialdemokratischen Fraktionsgeschäftsführer beim Mißtrauensvotum gegen Bundeskanzler Brandt auf den parlamentarischen Untersuchungsausschuß nicht ohne Eindruck geblieben war, hat Karl Wienand diese Version ebenso präzise und zusammenhängend bestritten. Mehr noch: Herbert Wehner und Wienands Sekretärin, die von der SPD in einem geschickten Schachzug unmittelbar nach Wienands Einvernahme als Zeugin präsentiert wurde, haben die Aussagen des Fraktionsmanagers vollauf bestätigt. Für Steiners Darstellung hingegen gibt es bisher keine Stütze von dritter Seite.

Freilich, das Spiel, wenn man es denn so nennen will, nimmt mehr und mehr Züge einer Auseinandersetzung an, in der sich Fouls und nicht ganz einwandfreie Tricks häufen. Die Stimmung wird zunehmend gereizt. Herbert Wehner zum Beispiel hat Steiners Erzählungen in den Zusammenhang eines generalstabsmäßigen Komplotts gegen die SPD gerückt und dabei von dem "skrupellosen" Franz Josef Strauß gesprochen. Die CSU hat ihm den Gefallen getan, darauf mit einem Wutgeschrei zu reagieren. Wehner habe es, so der Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, "als geschulter Kommunist gelernt, immer konspirativ zu denken und konspirativ zu handeln ... Heute, da er offensichtlich von Moskau rehabilitiert ist und sich bereits dreimal mit SED-Chef Honecker getroffen hat, kehrt er zu der Ausgangslage seiner politischen Tätigkeit zurück."

So droht aus dem Versuch, die zunächst mit den Namen Steiner und Wienand umrissene Affäre aufzuklären, eine ebenso uferlose wie bösartige parteipolitische Polemik zu werden, in der sowohl der Verschwörer Strauß wie der Kommunist Wehner figurieren. Ganz hasenrein sind auch manche Einlassungen der CDU nicht. So hat sich zum Beispiel das Unions-Ausschußmitglied Reddemann bei Wienand erkundigt, ob es nicht sein könne, daß der DDR-Geheimdienst, für den Steiner gearbeitet haben will, erst durch Andeutungen Wienands über Steiners diskrete Sympathie für die Ostpolitik auf den ehemaligen CDU-Abgeordneten aufmerksam geworden sei – und zwar durch Andeutungen im Bekanntenkreis des Kaufmanns Bosse, der mit Wienand befreundet war und Osthandelsgeschäfte betrieb.

Zwar hatte Reddemann ausdrücklich vorausgeschickt, daß seine Frage keineswegs persönlich gemeint sei. Aber ob gewollt oder nicht, damit wurde die Möglichkeit angedeutet, daß der Osten durch eine Indiskretion des SPD-Politikers zu einem Spion gekommen sein könnte. Wienand hat sich dagegen für seine eigene Person und seinen inzwischen toten Freund Bosse verwahrt. In der Tat, wenn überhaupt, dann hätte jene Frage besser erst dann gestellt werden sollen, wenn das noch im dunkel liegende Kapital der Geheimdiensttätigkeit Steiners aufgehellt worden ist.

Wer kennt die Namen?